17.12.2021 Rundbrief

Rundbrief zum Jahreswechsel 2021/2022

Wir möchten mit diesem Brief zum Jahresende die Gelegenheit nutzen, Ihnen für Ihre Unterstützung in diesem Jahr zu danken. Gleichzeitig erhalten Sie einen kurzen Rückblick darüber, welche Themen uns in den letzten 12 Monaten beschäftigt haben.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

erneut erlebten wir alle ein Jahr, das in einem hohen Maße von den Auswirkungen der Corona-Pandemie geprägt war. Wiederum mussten Veranstaltungen abgesagt, verschoben oder in den digitalen Raum verlegt werden. In den ersten Monaten des Jahres mussten die Ausstellungen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und an den anderen in Trägerschaft der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte befindlichen Erinnerungsorten geschlossen bleiben. Zwischendurch keimte zwar Hoffnung auf, als uns erlaubt war, ab dem 12. März zu öffnen, dann verschlechterte sich die allgemeine Entwicklung schnell und nur acht Tage später mussten wir erneut schließen. Die Wiedereröffnung unter den bekannten Einschränkungen des Infektionsschutzes konnte in Neuengamme erst am 18. Mai erfolgen, an den anderen Orten noch später. Gruppenbegleitungen und pädagogische Angebote konnten vor Ort erst wieder im Juni starten.

In die Zeit des Lockdowns fielen auch erneut die Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Befrei­ung. Monatelang hatten wir mit den Verbänden der Amicale Internationale KZ Neuengamme (AIN) daran gearbeitet, die 2020 zum 75. Jahrestag ausgefallenen Veranstaltungen in diesem Jahr nach­zuholen, dann mussten erneut Reisen storniert und ausgesprochene Einladungen ausgesetzt werden. Dies ist im Blick auf die inzwischen hoch betagten Überlebenden besonders tragisch.

Mehrere Menschen, die als Häftlinge das KZ Neuengamme überlebt hatten und mit der Gedenkstätte über viele Jahre verbunden waren, sind in diesem Jahr verstorben. Zu ihnen zählen Roman Kamieniecki (Polen), Neonila Kurlyak (Ukraine), Karl Salling Møller (Dänemark), Melitta Stein (USA), Elizabeth Just (Australien) und Mogens Henrik Nielsen (Dänemark). Einige von ihnen starben an Covid 19. Wie gern hätten wir sie noch einmal getroffen. Unsere Gedanken sind bei ihnen und ihren Familien.

Wenigstens in digitaler Form konnten wir am 76. Jahrestag der Befreiung die Neuengamme-Über­lebende Livia Fränkel begrüßen. Sie und die AIN-Präsidentin Dr. Martine Letterie sandten aus Schweden und den Niederlanden Videobotschaften zu der zentralen Gedenkveranstaltung, bei der am 3. Mai Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher, Schleswig-Holsteins Bildungs­ministerin Karin Prien und Maria Bering als Vertreterin der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Klinkerwerk symbolträchtig vor 1000 leeren Stühlen sprachen. Da die Veranstaltung vom NDR im Livestream übertragen wurde, konnten wenigstens auf diese Weise über das Internet weltweit Gäste teilnehmen. Viel Anklang fand auch die mehrsprachige Multi­media-Reportage „Gegenstände tragen Erinnerungen“. Rund um den Globus stellten Überlebende und Angehörige für den Jahrestag der Befreiung beeindruckende Erinnerungs­stücke bereit und teilten ganz persönliche Geschichten. Das beeindruckende „Scrollytelling“ ist weiterhin einsehbar unter https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/erinnerungen/pageflow/. Ihnen allen sei dafür herzlich gedankt!

Zum 8. Mai konnten wir auch den um zahlreiche Funktionen, Informationen und Orte erweiterten Relaunch des neugestalteten Hamburger Gedenkstättenportals veröffentlichen: https://gedenkstaetten-in-hamburg.de/

Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr wieder die Veranstaltungen zum Jahrestag der Befreiung vor Ort durchführen können. Alle noch lebenden ehemaligen Häftlinge des KZ Neuengamme sollen dazu eingeladen werden. Ob ihnen ihr hohes Alter noch eine lange Reise erlaubt, wissen wir nicht. Wir können nur wünschen, dass einigen die Teilnahme noch möglich sein wird.

Trotz aller Einschränkungen fanden in den letzten 12 Monaten – für uns das zweite Jahr in der neuen Organisationsform als Stiftung – viele Aktivitäten statt. In der KZ-Gedenkstätte Neuen­gamme präsentierten wir die Ausstellung des niederländischen Fotografenduos Chris en Marjan „Snow in Summer: The Future of Remembrance“, die Wanderausstellung der Arolsen Archives „#StolenMemory“, die Ausstellung des Fotografen Stefan Weger „Luise. Archäologie eines Unrechts“ und als Wiederaufnahme unsere Sonderausstellung „Überlebt! Und nun? NS-Verfolgte in Hamburg nach ihrer Befreiung“. Außerdem waren wir mit unserer Ausstellung „Rund um die Alster – Hamburger Geschichte in Nationalsozialismus“ in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg zu Gast. Leider konnten wir in diesem Jahr erstmals im Januar/Februar keine Ausstellung im Hamburger Rathaus zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus zeigen; die Präsen­tation der von uns vorbereiteten Ausstellung „‚Es darf nicht sein, dass die nationalsozialistische Vergangenheit uns einholt.‘ Rechte Gewalt in Hamburg von 1945 bis heute“ soll baldmöglichst nachgeholt werden.

Mehre Veranstaltungen fanden in Zusammenhang mit Jahrestagen statt: Zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion beteiligten wir uns an der Veranstaltungsreihe „Das Jahr 1941. Ereignis und Erinnerung“ mehrerer Universitäten und Institute mit einem Podiumsgespräch im Rahmen des Jahreskongresses der Deutsch-Russischen Historikerkommission sowie mit einem Thementag zu den sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Neuengamme. Am 16. Mai beteiligten wir uns am denk.mal Hannoverscher Bahnhof an der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Deportation norddeutscher Sinti und Roma. Am 25. Oktober erinnerten wir gemeinsam mit den jüdischen Gemeinden an den 80. Jahrestag der Deportation norddeutscher Jüdinnen und Juden nach Lodz, Minsk und Riga. Zum 40. Jahrestag der Eröffnung des „Dokumentenhauses Neuen­gamme“ fand am 21. Oktober im Museum für Hamburgische Geschichte die Veranstaltung „Geschichte dingfest, fälschungssicher machen“ statt, an der zahlreiche Beteiligte der Gedenk­stättenarbeit der 1980er Jahre teilnahmen.

Gegen Ende des Jahres fand im Vorfeld der Jahrestagung der AIN unter internationaler Beteiligung vom 10. bis 12. November das siebte „Forum Zukunft der Erinnerung“ statt. Außerdem konnten wir auch in diesem Jahr einige Veranstaltungen in Hamburg und/oder digital mit Überlebenden durchführen, beispielhaft seien hier Marione Ingram, Dita Kraus, Helga Melmed und Marian Hawling genannt.

Zu den Publikationsprojekten diesen Jahres zählten die Herausgabe des zweisprachig in Deutsch und Englisch erschienenen Ausstellungskatalogs „Das Stadthaus und die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus“ und des Kurzführers „Gedenkstätte Konzentrationslager und Strafanstalten Fuhlsbüttel 1933-1945 – Geschichte des Ortes und Entwicklung der Gedenkstätte“. Als zweite Ausgabe der neuen Reihe „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung“ erschien der Band „Religiöse Praxis in Konzentrationslagern und anderen NS-Haftstätten“.

Aufgrund der langen Zeiten, in denen die Gedenkstätten wegen der Corona-Pandemie geschlos­sen bleiben mussten, erlebten wir in diesem Jahr erneut wie im Vorjahr einen spürbaren Rückgang an Besucherinnen und Besuchern. Gleichwohl waren wir überrascht darüber, dass in den Monaten August bis Oktober die hohen Besuchszahlen aus der Zeit „vor Corona“ erreicht werden konnten. Insgesamt dürften bis Jahresende annähernd 70.000 Personen vor allem die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besucht haben. Somit dürfte der Rückgang im Vergleich zur Gesamtbesuchszahl im Jahr 2019 von 123.230 ungefähr bei 40 Prozent liegen.

Unter der Pandemie leidet das soziale Miteinander, das wirtschaftliche wie kulturelle Leben. Wie alle so hoffen auch wir darauf, dass die Zeiten, in denen wir mit den durch den Infektionsschutz geforderten Einschränkungen arbeiten und leben müssen, bald überwunden sein mögen. Und es gilt Acht darauf zu legen, dass jene, die mit Verschwörungsideologien und Schuldzuweisungen die Gesellschaften zu spalten versuchen und sich der Solidarität entziehen, nicht zu einer nachhaltigen Schädigung der Demokratien beitragen. Überall versuchen rechtsextremistische Kräfte die Verun­sicherung vieler Menschen und ihren Unmut für sich zu instrumentalisieren. Hier ist international Achtsamkeit geboten, damit nicht der Geist des Zusammenhalts durch den der Zwietracht verdrängt wird.

Wir wünschen Ihnen allen, dass Sie wohlbehalten durch diese schwierige Zeit gelangen.

Im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wünschen wir Ihnen einen besinnlichen Jahresausklang und ein gesundes, friedliches Jahr 2022.

Prof. Dr. Detlef Garbe, Dr. Oliver von Wrochem

Rundbrief (deutsch) (pdf)
Rundbref (dansk) (pdf)
Обращение (русский) (pdf)
Year-end circular letter (english) (pdf)
List na zakończenie roku (polski) (pdf')
Circulaire de fin d’année (français) (pdf)
Jaarlijkse nieuwsbrief (nederlands) (pdf)