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22.12.2025 Rundbrief

Gruß zum Jahresende

Rundbrief zum Jahresende 2025 an Überlebende, an Angehörige NS-Verfolgter und an die Freund*innen unserer Gedenkstättenarbeit

 

Liebe Überlebende, Angehörige und Freund*innen,

das Jahr 2025 stand im Zeichen des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs und an die Befreiung der Konzentrationslager vor 80 Jahren. Viele anregende Begegnungen sind damit für uns verbunden.

Hunderte Angehörige von ehemaligen Häftlingen und Vertreter*innen der internationalen Häftlingsverbände begleiteten die Gedenkveranstaltungen Anfang Mai und prägten das vielfältige Begleitprogramm. In Neustadt in Holstein fanden am 2. Mai Veranstaltungen zum Gedenken statt. Bei der zentralen Gedenkfeier in Hamburg, die vor über 1000 Gästen am 3. Mai in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stattfand, appellierte die 97-jährige Überlebende Helga Melmed sehr eindringlich an Menschlichkeit und Nächstenliebe. Der damals amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz betonte in seiner Rede die Bedeutung der Erinnerung an die NS-Verbrechen für die Demokratie. Eindrucksvoll waren auch die anschließenden Gedenkfeiern der internationalen Delegationen aus Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Belgien und das Gedenken an die verfolgten Homosexuellen. Am 4. Mai weihten wir ein neues Ländergedenkzeichen am internationalen Mahnmal in Neuengamme ein: Der runde Gedenkstein nennt 70 Namen von heute existierenden Ländern, aus denen Häftlinge des KZ Neuengamme stammten. Ebenfalls am 4. Mai öffneten wir die Türen für ein Programm der zivilgesellschaftlichen Erinnerungsinitiativen, ein Format, das wir im Mai 2026 fortführen werden. Am „Ort der Verbundenheit“ kamen über 40 Familienangehörige ehemaliger KZ-Häftlinge aus verschiedenen Ländern bei der Druckwerkstatt, der öffentlich Plakatpräsentation und dem gemeinsamen Plakatieren zusammen, teilten ihre Geschichten, druckten, plakatierten und gedachten gemeinsam – mit vielen berührenden Momenten und Begegnungen. In der Veranstaltung „Memoire a quatre voix“ sprachen Angehörige von KZ-Häftlingen und von NS-Tätern miteinander. Das besondere Format wurde in Kooperation mit dem Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte auf DVD und online dokumentiert. Die Vielfältigkeit der Veranstaltungen zum 80. Jahrestag der Befreiung veranschaulicht die angehängte Dokumentation, wir wünschen viel Freude bei der Lektüre!

Vielfältiges Erinnern für die Gegenwart (Broschüre)

2025 konnten wir in mehreren Ausstellungen wichtige Aspekte der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aufgreifen: Unsere Ausstellung „Ausgeraubt vor der Deportation“ zur Beraubung von Jüdinnen und Juden sowie Rom*nja und Sinti*ze wurde im Hamburger Rathaus eröffnet und anschließend in mehreren Hamburger Finanzämtern und in Berlin gezeigt. Die Graphic-Novel-Ausstellung „Das Unvorstellbare zeichnen“ rückte Verfolgungsschicksale ins Zentrum und basiert auf einer Zusammenarbeit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit den Gedenkstätten Kamp Westerbork, Niederlande, und der Kazerne Dossin, Belgien. Eine Outdoor-Ausstellung zu der Rettungsaktion durch die „Weißen Busse“ und die Ausstellung „Neu gesehen. Multimedia-Arbeiten über dänische Zeichner im KZ Neuengamme“ sind das Ergebnis eines deutsch-dänischen Kooperationsprojekts zum Zweiten Weltkrieg. Außerdem war die von der Gedenkstätte Lager Sandbostel konzipierte Wanderausstellung „Trotzdem da!“ zu Kindern aus verbotenen Beziehungen zu Zwangsarbeiter*innen und auch die Ausstellung #StolenMemory der Arolsen Archives bei uns zu Gast.

Auch in unseren Publikationen richteten wir den Blick über Deutschland hinaus: „Repressionspolitik und Deportationspraxis im besetzten Frankreich 1940–1944. Akteure, Feindbilder, Verfolgtengruppen“ erforscht den NS-Terror in Frankreich, „Geschichtspolitische Umbrüche im postsozialistischen Europa“ thematisiert die Auswirkungen der gesellschaftspolitischen Umbrüche in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und des ehemaligen Jugoslawiens auf Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit.

In der Bildungsarbeit knüpften wir an bisherige Schwerpunkte an und griffen neue Ansätze auf: Das Projekt „Welche Stimme haben wir?“ verfolgt das Ziel, Nachkomm*innen von Opfern der NS-Verfolgung partizipativ einzubeziehen: Die Gruppe erarbeitete eine Online-Ausstellung mir einer digitalen Karte zu Verfolgungsschicksalen. Dazu erscheinen Anfang 2026 Bildungsmaterialien. Intensiv beschäftigt haben wir uns mit Möglichkeiten von Gedenkstättenbesuchen für Kinder unter 12 Jahren und Familien. Diesen Schwerpunkt werden wir auch 2026 weiter verfolgen.

Gerne möchte ich auch einen Blick „hinter die Kulissen“ auf unsere Archivarbeit werfen. Neben den etwa 2000 schriftlichen Anfragen von Angehörigen ehemaliger Häftlinge des KZ Neuengamme sowie von Medien und Forscher*innen erreichten in diesem Jahr wichtige Nachlässe, persönliche Dokumente und Objekte das Archiv. Zuletzt übergab Martine Letterie, Vorsitzende der Amicale Internationale Neuengamme, einen Koffer, den ihr Großvater Martinus Letterie bei seiner Deportation in das KZ Neuengamme mit sich führte.

Innovativ gestaltet sich weiterhin die vielfältige Arbeit der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Social Media, die die Möglichkeiten der digitalen und multimedialen historischen Bildung wie die produktive Nutzung von Social Media-Plattformen kreativ auslotet: Beispiele dafür waren 2025 die Kampagne #GeradeJetzt, die Online-Vortragsreihe zu „Künstliche Intelligenz in der Erinnerungsarbeit“ und natürlich unser äußerst erfolgreicher TikTok-Kanal. In diesem Bereich hat unsere Stiftung eine überregionale Strahlkraft entfaltet.

Zeitlich nur langsam voran geht es mit den Sanierungsvorhaben und der Neukonzeption von drei Ausstellungen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. 2025 haben wir einen Architekten eingestellt und nun mit der Planung begonnen, allerdings werden die Vorhaben erst im Laufe der nächsten Jahre umgesetzt werden können.

Der Geschichtsort Stadthaus war als innerstädtischer Ort für die Vernetzung mit der Zivilgesellschaft 2025 Gastgeber für viele Kooperationsveranstaltungen, darunter eine Gesprächsreihe der „Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes“ zu Hamburger Widerstandskämpfer*innen. Im „Projektschaufenster“ stellten der „Geschichtomat“ des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, die Rom und Cinti Union e.V., die Stolperstein-InitiativeHamburg, die Gruppe „Kinder des Widerstands“ und die Zeugen Jehovas ihre Erinnerungsarbeit vor.

Die Gedenkstätte Poppenbüttel stellte mit der Website „Fragmented Memories“ eine neue Online-Ausstellung zu den Hamburger Frauenaußenlagern in englischer Sprache zur Verfügung.

Das Projektteam denk.mal Hannoverscher Bahnhof hat die erneute Verzögerung bei der Entwicklung des geplanten Dokumentationszentrum für zahlreiche andere wichtige Projekte genutzt. Gemeinsam mit dem Projekt #LastSeen konnten erstmals drei Fotos identifiziert werden, die das Deportationsgeschehen im Herbst 1941 in Hamburg dokumentieren. Die diesjährige Open-Air-Ausstellung im Lohsepark widmete sich vor dem Hintergrund des 80. Jahrestages des Kriegsendes dem Thema der oft schwierigen Rückkehr nach Hamburg und kombinierte unter dem Titel „Ich war zurückgekommen. Allein“ Zitate von Zeitzeug*innen mit zeitgenössischen Zeichnungen der Künstlerin Paula Mittrowann. Ein besonders schönes Ereignis war, dass das denk.mal Fruchtschuppen C in der Hamburger HafenCity eingeweiht werden konnte, mit dem an die Deportation von Sinti*ze und Rom*nja erinnert wird.

Es freut uns, dass sich Hamburger Gedenkinitiativen 2025 erneut getroffen und dabei ihr Wissen über Orte und Akteur*innen des Widerstands ausgetauscht haben. Mit dem Mahnmal St. Nikolai haben wir die Kampagne „Stimmen der Befreiten“ mit Lesungen an verschiedenen Orten und auf Social Media ins Leben gerufen, an der sich viele der Gedenkinitiativen aktiv beteiligten.

Nicht nur die KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Geschichtsort Stadthaus, sondern auch die weiteren Gedenkstätten unserer Stiftung verzeichneten 2025 steigende Besuchszahlen. In der Gedenkstätte Fuhlsbüttel stießen die Angebote am Tag des Offenen Denkmals und bei der Aktion #seeforfree am Reformationstag auf enormes Interesse.

Zu der beeindruckenden Gedenkveranstaltung der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm am 24. April im Thalia Theater reisten zahlreiche Angehörige an, Höhepunkt bildete das Zeitzeuginnengespräch der Schwestern Andra und Tatiana Bucci. In der Gedenkstätte Bullenhuser Damm ist nun auch eine kleine Fotoausstellung zu sehen, die das Engagement von Henri Morgenstern, Cousin der ermordeten Jacqueline Morgenstern, dokumentiert. Die Ausstellung wurde von einer Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste erstellt und zeigt damit einen kleinen Ausschnitt aus der vielfältigen Arbeit der Freiwilligen in unserer Stiftung. Außerdem konnte am Ort des ehemaligen Außenlagers des KZ Neuengamme Spaldingstrasse in einer Kooperation mit der Stolperstein-Initiative und dem derzeitigen Inhaber des Gebäudes die Ausstellung zum Außenlager erneuert und eine Stolperschwelle verlegt werden.

Am Ende des kurzen Jahresrückblicks möchte ich auch einige Aspekte benennen, die unsere Arbeit belasten: Wie andere Gedenkstätten spüren wir in unseren Einrichtungen einen steigenden Druck, denn wir erleben massive Konflikte und politische Verschiebungen in der Gegenwart, infolge des andauernden Krieges Russlands in der Ukraine und durch die Kriegssituation im Gaza-Streifen nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie durch das Erstarken autoritärer Regime weltweit. Vor diesem Hintergrund sind Gedenkstätten bei ihrer zukunftsgerichteten Weiterentwicklung und Erneuerung auf die Unterstützung aus der gesamten Gesellschaft angewiesen. Wir danken an dieser Stelle allen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Personen, Gruppen und Institutionen, die sich für das aktive Gedenken und für eine demokratische Gesellschaft auch in Hamburg einsetzen, darunter nicht zuletzt den Angehörigen ehemaliger NS-Verfolgter.

Beschließen möchte ich den Jahresrückblick, wie wir es immer tun, mit dem Gedenken an die Weggefährt*innen und uns nahestehenden Menschen, von denen wir uns in diesem Jahr verabschieden mussten. An die Verstorbenen möchten wir hier erinnern, an die Überlebenden von Konzentrationslagern Livia Fränkel, Dita Kraus, Natalia Radtschenko und die Unterstützer*innen unserer Gedenkstättenarbeit Brigitte Alexander, Franke Tjitse Siegfried Letterie, Jan Adriaan de Muijnck und Peggy Parnass.

Im Namen aller Mitarbeiter*innen wünsche ich Ihnen, dass Sie mit guten Gedanken und Vorhaben und vor allem gesund ins neue Jahr 2026 gehen.

Hamburg, im Dezember 2025

Prof. Dr. Oliver von Wrochem,

Vorstand der Stiftung und
Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

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