18.03.2022 Nachricht

Was machen wir als Gedenkstätte angesichts der Kriegssituation in Europa?

Wie reagieren wir nun als erinnerungskulturelle Institutionen und als einzelne Menschen angesichts der Katastrophe nur wenige hundert Kilometer östlich von uns? Wie kommen wir ins Tun, um nicht in einer großen und tiefen Betroffenheit zu verharren?

Gedenkstätten, die an die NS-Verbrechen erinnern, haben sich in den letzten Jahrzehnten darum bemüht, Wissen über die Verfolgung und Ermordung zu vermitteln. Der Auftrag gilt auch der Verständigung und Friedensarbeit.

Brücken zur Verständigung

Als Stiftung möchten wir Brücken der Verständigung aufrechterhalten, damit wir perspektivisch wieder Wege zur Erinnerungsarbeit und einer transnationalen Gedenkkultur öffnen und gehen können. Dazu unterstützen wir die Menschen, die sich in der Ukraine, aber auch in Russland und Belarus für vielfältige und demokratische Kulturen der Erinnerung und der Wissenschaft einsetzen und eingesetzt haben. Deswegen hat die Stiftung ein Scholarship ins Leben gerufen, das gefährdeten Forscher:innen die Möglichkeit gibt, an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Archiv zu arbeiten und an aktuellen Projekten mitzuwirken. Wir freuen uns, dass wir hoffentlich in den nächsten Wochen eine Mitarbeiter:in der liquidierten Wissenschafts- und Menschenrechtsorganisation „Memorial International Moskau“ bei uns zu Gast haben dürfen.

„Ukrainian Hours“

Außerdem haben wir das digitale Format einer Wissenschaftsbrücke begonnen: In den „Ukrainian Hours“ berichten wöchentlich Kolleg:innen aus ihren historischen Forschungen und Recherchen oder geben aktuelle Berichte. Viele Kolleg:innen, zu denen wir oft bereits seit Jahren Kontakt haben, verloren entweder mit Kriegsbeginn ihre Arbeit oder mussten ihre Lebensmittelpunkte verlassen. Das Format soll, soweit das in der Kriegssituation überhaupt geht, einen sicheren, digitalen Raum schaffen, in dem sich Kolleg:innen treffen, sprechen und zuhören. Wir sprechen damit Wissenschaftler:innen in der Ukraine an, die entweder nicht das Land verlassen können oder wollen. Ihnen möchten wir als Kolleg:innen eine zumindest kurzfristige und Ad hoc-Unterstützung ermöglichen. Für uns eröffnet(en) die Offenheit und Bereitschaft unserer Kolleg:innen aus der Ukraine eine enorme Horizonterweiterung – wissenschaftlich, kollegial und menschlich. Wir sprachen bisher mit Tetiana Pastushenko, Ljuba Danylenko über die derzeitige Lage von ehemaligen NS-Verfolgten und Taras Martynenko sprach über die NS-Besatzung in Lviv/Lemberg/Lwów. Wir planen die Fortsetzung der „Ukrainian Hour“ zunächst bis etwa Ende April, soweit dies möglich ist. Geplant sind weitere Gespräche u.a. auch mit Nachkommen von Neuengamme-Überlebenden sowie zur Geschichte und derzeitigen Situation von Minderheiten in der Ukraine. Weitere Informationen dazu erhalten Sie bei referentin@gedenkstaetten.hamburg.de.

„Hilfsnetzwerk für Überlebende des NS-Verfolgung in der Ukraine“

Auch viele heute hochbetagten Opfer der NS-Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik und ihre Angehörigen sind von der Kriegssituation betroffen. Wir arbeiten in dem neu gegründeten „Hilfswerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine“ (www.hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de) aktiv mit, das Überlebende der NS-Verfolgung, Fachkolleg:innen und Kooperationspartner:innen mit Hilfsgütern versorgt. Für das Hilfsnetzwerk bitten wir um Unterstützung des untenstehenden Spendenaufrufs zur koordinierten und unbürokratischen Unterstützung von ehemaligen NS-Verfolgten, ihrer Angehörigen und Partner:innen des Netzwerks.

Wir danken an dieser Stelle auch dem Freundeskreis Neuengamme e.V., der den Kontakt zu den Überlebenden des KZ-Neuengamme in der Ukraine und ihren Angehörigen hält und sie humanitär unterstützt.

Sarah Grandke / Alexandra Köhring

Spendenaufruf "Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine"

Appeal Letter for Donations "Support network for survivors of Nazi persecution in Ukraine" (English)

Appeal Letter for Donations "Support network for survivors of Nazi persecution in Ukraine" (French)

Appeal Letter for Donations "Support network for survivors of Nazi persecution in Ukraine (Ukrainian)

Appeal Letter for Donations "Support network for survivors of Nazi persecution in Ukraine (Russian)

Presseerklärung zum "Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine" 

Schlagworte: Ukraine (6)