07.07.2022 Ausstellung

(Letzte) Lebenszeichen

Postkarten aus Zielorten nationalsozialistischer Deportationen aus Hamburg und Norddeutschland. Eine temporäre Ausstellung des denk.mal Hannoverscher Bahnhof in der HafenCity.

An einigen Zielorten nationalsozialistischer Deportationen aus Hamburg und Norddeutschland war es den Verschleppten erlaubt, Postkarten zu schreiben. Dies war die einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme aus Ghettos und Konzentrationslagern zurück nach Hamburg. Eine temporäre Außenausstellung im Lohsepark der HafenCity stellt diese (letzten) Zeugnisse und ihre Geschichten aus. Dabei werden erstmalig Ausstellungsinhalte des künftigen Dokumentationszentrums denk.mal Hannoverscher Bahnhof öffentlich präsentiert.

Wo: Am Lohsepark, 20457 Hamburg
Wann: 8. Juli bis 31. August 2022

 „Meine letzte Wäsche ist bei Ihnen ja gut aufgehoben."

Diesen Satz schrieb der Hamburger Maximilian Nagel im Ghetto Litzmannstadt auf eine Postkarte an die Familie Chin in Hamburg. Der 58-jährige Kaufmann war im Oktober 1941 vom Hannoverschen Bahnhof, heute der Lohsepark in der HafenCity, deportiert worden. Die Postkarte kam jedoch nie in Hamburg an. Maximilian Nagel wurde durch die Nationalsozialist:innen weiter in das Vernichtungslager Kulmhof verschleppt und dort ermordet. Postkarten waren zumeist die einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme aus Ghettos und Konzentrationslagern. Der Postverkehr unterlag jedoch strenger Vorgaben und Zensurbestimmungen. Sprache und Inhalte waren genau festgelegt. Trotzdem und besonders zwischen den Zeilen geben die bis heute gefundenen Karten Einblicke in die Wahrnehmungen und Gefühle ihrer Absenderinnen und Absender: Ihre Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte. Die Mehrheit der Deportierten aus Hamburg und Norddeutschland wurden ermordet. Die Postkarten sind oft ihre die letzten überlieferten Selbstzeugnisse.

(Wiederentdeckte) Zeugnisse von Deportierten 

Die Postkarte von Maximilian Nagel ist nur eine von über 250 nach Hamburg adressierten Karten aus dem Ghetto Litzmannstadt, welche sich heute im Archiv im polnischen Łódź befinden - und nie ihr Ziel erreichten. Erst im Jahr 2019 konnte das Team des denk.mal Hannoverscher Bahnhof im Zuge der Ausstellungsentwicklung diese Karten ausfindig machen. Unterstützt wurden sie dabei unter anderem von Studierenden und jungen Menschen in internationalen Workshops. Doch es sind auch Postkarten bekannt, die von weiteren Zielorten der Deportationen Hamburg ankamen. Mehr als 350 solcher Zeugnisse befinden sich zum Beispiel heute im Staatsarchiv der Hansestadt, weitere Karten befinden sich in Privatbesitz und kleineren Archiven. Noch mehr Bedeutung erhalten diese überlieferten Postkarten, wenn bedacht wird, dass die allermeisten verschleppten Menschen aus Hamburg und Norddeutschland, überhaupt nicht die Möglichkeit hatten zu schreiben. Entweder waren sie Kinder und konnten (noch) nicht schreiben oder die Nationalsozialist:innen hatten an den Zielorten der Deportationen den Kontakt nach Hause gänzlich verboten.

Geschichte(n) zum Anfassen im Park und digitale Vertiefung

Eine temporäre Außenausstellung im Lohsepark der Hamburg Hafencity stellt diese Zeugnisse und ihre Geschichten erstmals aus. Besuchende der Ausstellung können durch den Lohsepark in der HafenCity gehen, dabei Postkarten entdecken, in die Hand nehmen und sich damit einzelnen Lebensgeschichten und Nachrichten in deutscher und englischer Sprache annehmen. Über einen QR-Code lassen sich online vertiefende Informationen finden. Die handschriftlichen, oft in Sütterlin verfassten Karten, sind dort verschriftlicht und so einfacher lesbar. Über Verlinkungen können weitere Informationen zum weiteren, eigenen Recherchieren gefunden werden. In Kurzvideos erzählen beispielsweise Projektbeteiligte von ihren Eindrücken in der Arbeit mit den Karten und darüber, was oft nur auf dem zweiten Blick darauf zu finden ist.

Ein erster Blick in die kommende Dauerausstellung

Die Präsentation der Postkarten aus Zielorten der Deportationen werden Teil der künftigen Dauerausstellung des Dokumentationszentrums, welches in den kommenden Jahren in unmittelbarer Nähe zum Gedenkort denk.mal Hannoverscher Bahnhof eröffnet. Dort wird an die nationalsozialistischen Deportationen von über 8.000 Frauen, Männer und Kinder erinnert, welche als Sintize, Sinti, Romnja und Roma sowie Jüdinnen und Juden aus Hamburg und Norddeutschland in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt worden sind. Die Ausstellung zu den Postkarten im Lohsepark ist dabei der Beginn einer Reihe von Präsentationen bisheriger Recherchen des Ausstellungsprojektes bis zur Eröffnung des Dokumentationszentrums. Damit wird das NS-Verbrechen und lange vergessene nationalsozialistische Deportationsgeschehen ins Bewusstsein der Hamburger Stadtgesellschaft gerückt und den Parkbesuchenden verdeutlicht, dass der ehemalige Deportationsort Hannoverscher Bahnhof zwar heute nicht mehr existiert, doch die Geschichte und Geschichten der Menschen bis heute eine Aussagekraft haben.

Zu den Postkarten: https://hannoverscher-bahnhof.gedenkstaetten-hamburg.de/

Johanna Schmied/ Sarah Grandke