20.02.2021 Nachricht

Wehrmachtsangehörige als Bewacher im Konzentrationslager

Am 20. Februar 2021 ist der 95jährige deutsche Staatsbürger Karl Friedrich Berger aus den USA abgeschoben und per Ambulanz-Jet nach Frankfurt geflogen worden. Im Februar 2020 hatte ein Verwaltungsgericht des Heimatschutzministeriums der USA die Ausweisung verfügt. Berger, der seit 1959 bei Tennessee lebte, hatte Widerspruch eingelegt, der zurückgewiesen worden ist.

Nach dem „Holzmann-Zusatz“ von 1978 zum amerikanischen Einwanderungs- und Staatsbürgerschaftsgesetz ist Beteiligten an Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes der Aufenthalt in den USA verboten. 

Schon im vergangenen März hatte das US-amerikanische Justizministerium bekannt gegeben, dass sie den 1959 über Canada in die USA eingewanderten Deutschen Friedrich Karl Berger ausweisen wird, da dieser als Angehöriger der Wachmannschaft des KZ Neuengamme „Teil des SS-Systems der Unterdrückung gewesen ist, das KZ-Häftlinge unter grausamen Haftbedingungen hielt“.

Berger hatte 1945 als 19jähriger Kriegsmarine-Angehöriger zur Wachmannschaft der KZ-Außenlager Meppen-Versen und Meppen-Dalum gehört, in dem jüdische Häftlinge, Polen, Russen, Dänen, Niederländer, Letten, Franzosen, Italiener und deutsche politische Gegner der Nazis furchtbaren Bedingungen und Misshandlungen ausgesetzt waren.  

Friedrich Berger, geb. 1925 in Bargen, heute Ortsteil der Gemeinde Erfde im Kreis Schleswig-Rendsburg, war als Maschinengefreiter der Kriegsmarine ab 23. Januar 1945 dem Wachpersonal des KZ Neuengamme in den Außenlagern in Meppen-Versen und Meppen-Dalum zugeteilt, die zu den "Friesenwall"-Lagern gehörten. Im März 1945 wurden beide Lager aufgelöst und die Häftlinge per Bahn oder in Fußmärschen ins Hauptlager Neuengamme zurückgeführt. Die Kriegsmarine-Bewacher wurden anschließend zu anderen Marineverbänden ohne Bezug zum KZ-System versetzt oder bekamen neue Bordkommandos. 

Wie kam es dazu, dass Marineangehörige zu Wachmannschaften eines Konzentrationslagers gehörten? Im Herbst 1944 hat im KZ Neuengamme ein umfangreicher Personalaustausch stattgefunden. Angehörige des Wachpersonals wurden auf Waffen-SS-Verbände in Frankreich verteilt. Als Ersatz erhielt das KZ Neuengamme Soldaten aus allen Wehrmachtteilen. Gleichzeitig expandierte das Außenlagersystem des KZ Neuengamme. Dem gestiegenen Bedarf an Bewachungspersonal wurde entsprochen, indem die Wehrmacht Soldaten abstellte. Die Hälfte des Wachpersonals des KZ Neuengamme bestand damit ursprünglich nicht aus SS-Angehörigen oder wurde – wie Teile des Heers und der Luftwaffe – in die Waffen-SS übernommen. Unter den Bewachern der Außenlager waren auch 80-100 Angehörige des Marineinselbataillons 354, die am 23. Januar 1945 von Langeoog aus nach Neuengamme abkommandiert wurden, darunter auch der 19jährige Friedrich Karl Berger.

Aus  kriminalpolizeilichen Ermittlungsunterlagen ist bekannt, dass 80 dieser Männer nach wenigen Tagen den Auftrag erhielten, Häftlinge in das Außenlager Meppen zu bringen. In Meppen mussten über 1700 Häftlinge den Bau des so genannten „Friesenwalls“ vorantreiben. Mit dem „Friesenwall“ wurde ein gigantisches Befestigungswerk an den Küsten und Grenzen geplant, das gegen eine Landung der Alliierten schützen sollte. In Wedel, Aurich-Engerhafe, Husum, Ladelund, Meppen-Dalum und Meppen-Versen an der niederländischen Grenze mussten KZ-Häftlinge unter Bewachung von Marineangehörigen die Erdarbeiten ausführen. Die Namen der Häftlinge, die v.a. aus der Sowjetunion, Polen und den Niederlanden kamen, aber auch aus Deutschland, Dänemark, Lettland, Frankreich oder Italien stammten, sind durch eine Liste aus dem Januar 1945 bekannt. Wegen unzureichender Ernährung, Kleidung und Unterbringung starben bei dem harten Arbeitseinsatz hunderte Häftlinge. Auf der Kriegsgräberstätte Versen befinden sich noch die Grabstätten von 297 verstorbenen Häftlingen aus den beiden Meppener Außenlagern des KZ Neuengamme.

Am 25. März 1945 ließ die SS das Lager räumen. Die „marschfähigen“ Häftlinge wurden zu Fuß über Cloppenburg nach Bremen getrieben, von wo ein Großteil von ihnen, begleitet von den Marineangehörigen, zurück ins Stammlager Neuengamme kam. Mindestens 50 Häftlinge sind auf dem Marsch umgekommen. Die Bewachereinheit wurde anschließend nach Cuxhaven zurückbeordert.

Mehr zum Thema

Artikel in Zeit online: Wächter aus KZ Neuengamme nach Deutschland ausgewiesen: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-02/nazi-verbrechen-friedrich-karl-berger-kz-waechter-usa-auslieferung

Pressemitteilung des Department of Justice: https://www.justice.gov/opa/pr/tennessee-man-ordered-removed-germany-based-service-concentration-camp-guard-during-wwii

Artikel von Reimer Möller: Wehrmachtsangehörige als Wachmannschaften im KZ Neuengamme, in: Beiträge Heft 13 (Link)

Webseite der Gedenkstätte Esterwegen für die „Emslandlager“: https://www.gedenkstaette-esterwegen.de/geschichte/die-emslandlager/ix-versen.html

Webseite zum Außenlager Meppen-Versen: https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/kz-aussenlager/aussenlagerliste/meppen-versen/

Artikel über Karl Saling Møller, der Häftling in Meppen-Versen war: https://www.noz.de/lokales/meppen/artikel/126865/haftlinge-mussten-bei-meppen-panzergraben-ausheben#gallery&0&0&126865

Schlagworte: Täterschaft (11)