16.01.2023 Nachricht

Wir trauern um Erika Estis, geb. Freundlich

Erika Estis hatte im November 2022 ihren 100. Geburtstag im Kreise ihrer Familie in New York feiern können. Nun hat uns die traurige Nachricht erreicht, dass Erika Estis in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar 2023 gestorben ist.

Die Nachricht von Erika Estis‘ Tod bewegt uns sehr, da wir sie gut kennenlernen durften. Sie war überaus interessiert an der Erinnerungsarbeit in ihrer Geburtsstadt Hamburg und hat in öffentlichen Gesprächen über ihre Lebensgeschichte gesprochen. Mit ihrer offenen und warmherzigen Art konnte sie viele Menschen erreichen.

Erika Estis war am 14. November 1922 in Hamburg als Tochter des Apothekers Pauls Freundlich und seiner Frau Irma geboren worden. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste Paul Freundlich seine Apotheke in der Fruchtallee in Eimsbüttel aufgeben. Die drei älteren Töchter studierten im Ausland, während Erika mit ihren Eltern weiter in Hamburg lebte. Erika besuchte ab 1929 die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße. In der Folge der „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938 entschieden sich Irma und Paul Freundlich, ihre jüngste Tochter mit einem sogenannten Kindertransport nach England zu schicken. Am 14. Dezember 1938 verabschiedeten sich Eltern und Tochter auf dem Altonaer Bahnhof voneinander. Erikas Eltern konnten nicht mehr emigrieren und wurden am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Erika erfuhr 1945 von der Ermordung ihrer Eltern. Erika verließ 1946 England und ging nach New York, wo sie ihren Mann kennen lernte, mit dem sie drei Kinder bekam.

Erika Estis besuchte mehrfach Hamburg und nahm großen Anteil an dem Prozess zur wissenschaftlichen Untersuchung der Verfolgung der Jüdinnen und Juden in Hamburg und der Rolle des Hannoverschen Bahnhofs für die Deportationen aus Hamburg und Norddeutschland. Für die 2009 gezeigte Ausstellung „In den Tod geschickt. Die Deportationen von Juden, Roma und Sinti 1940 bis 1945“ stellte sie Fotos und Dokumente zur Verfügung. Erika Estis kam zuletzt zur Einweihung des Gedenkorts „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ im Mai 2017 nach Hamburg. Danach war sie noch einmal in Berlin, um in einem Workshop des Jüdischen Museums mit Jugendlichen zu sprechen. An ihre Eltern erinnern heute zwei Stolpersteine in der Fruchtallee 27-29.

Wir werden Erika Estis sehr vermissen. Wie sind in Gedanken bei ihren drei Kindern, sieben Enkeln und acht Urenkeln.

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