15.02.2018 Ausstellung, Bericht

Bericht zur Ausstellung "Rund um die Alster. Hamburger Geschichte im Nationalsozialismus"

Karte von Binnen- und Außenalster Quelle: KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Karte von Binnen- und Außenalster
Ausstellung "Rund um die Alster" im Foyer des Hamburger Rathauses Foto: René Eder, KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2018
Blick auf die Ausstellung im Foyer des Hamburger Rathauses
Bürgerschaftspräsidentin Veit im Gespräch mit Uwe Storjohann zur Eröffnung der Ausstellung Foto: Iris Groschek, KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2018
Eröffnung der Ausstellung mit Carola Veit und Uwe Storjohann
Tafeln der Ausstellung "Rund um die Alster" Foto: Iris Groschek, KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2018
Ein Besucher der Ausstellung vor einem der Plakate
Begrüßung durch Detlef Garbe zum Vortrag im Rathaus Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2018
Vortrag im Rathaus
Verbindung zur Geschichte auf dem SocialMediaWalk Foto: Heinz Brossolat, 2018
Historisches Foto
Alternative Alsterkanalfahrt Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2018
Alternative Alsterkanalfahrt
Vortrag von Axel Schildt im Rahmen des Begleitprogramms zur Rathausausstellung Foto: Iris Groschek, KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2018
Vortrag von Axel Schildt im Rahmen des Begleitprogramms zur Rathausausstellung
Plakatierung der Ausstellung Foto: Iris Groschek, KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2018
Plakat der Ausstellung

Vom 18. Januar bis 11. Februar 2018 wurde im Hamburger Rathaus die Ausstellung „Rund um die Alster. Hamburger Geschichte im Nationalsozialismus“ gezeigt. Viele Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten rund um die Alster begleiteten die Ausstellung:

Anlass für die von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme jedes Jahr mit Unterstützung der Hamburgischen Bürgerschaft entwickelten Ausstellungen, die im Hamburger Rathaus gezeigt werden, ist der Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar. Schwerpunkt der Ausstellung und der begleitenden Vorträge und Rundgänge im Jahr 2018 war das Leben rund um die Alster zur Zeit des Nationalsozialismus. Es standen Menschen im Vordergrund, die während dieser Zeit hier lebten, arbeiteten oder ihre Freizeit verbrachten. Es ging um Machtausübung, Opportunismus und Protest, um resistentes Verhalten und Widerstand, um Architektur- und Industriegeschichte, Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit.

Zur Eröffnung an einem schneereichen Donnerstag kamen 150 Personen in den Kaisersaal des Rathauses. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit lobte die Vielfalt, die aus der Ausstellung spricht, wodurch diese so lebendig und interessant sei. Sie betonte in ihrer Eingangsrede die Wichtigkeit des Bewusstmachens von Ausgrenzung, bevor sie Uwe Storjohann vorstellte und mit ihm ins Gespräch kam. Uwe Storjohann (92) berichtete von seiner Zeit als Swingboy während der Nazizeit und den Erfahrungen von Ausgrenzung aber auch Solidarität und der Bedeutung von Freiheit als Lebensgefühl – Dinge, die er aus dieser Zeit bis heute mitnimmt – und rief dazu auf, Ausgrenzung und Freiheitsbeschränkungen wahrzunehmen und zu begegnen, wo immer diese auftreten. Seine mitreißende Art zu erzählen führte zu langanhaltendem Applaus der Gäste. Mehrere Fernsehsender und Zeitungen berichteten von der Ausstellungseröffnung.

Am Abend berichteten Herbert Diercks, der die Ausstellung kuratierte, und Lisa Herbst, wissenschaftliche Volontärin an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, im Bürgersaal des Rathauses über einige der in der Ausstellung genannten Orte rund um die Alster und machten deutlich, dass noch heute Forschungsdesiderate bestehen und nicht alle Institutionen einen aufklärenden Blick auf die Vergangenheit werfen.

Schon am ersten Ausstellungstag wurden über 80 Exemplare der Ausstellungsbroschüre verkauft. Sehr viele Besucherinnen und Besucher des Rathauses nahmen die Ausstellung wahr und interessierten sich für die Arbeit der Gedenkstätte. Der Freundeskreis der Gedenkstätte organisierte auch in diesem Jahr einen Bücher- und Flyertisch während der gesamten Laufzeit der Ausstellung in der Rathausdiele. Durch die Ausstellung wurden sowohl Gruppenführungen als auch öffentliche Führungen – auch in deutscher Gebärdensprache – angeboten sowie in Kooperation mit dem Museum für Hamburgische Geschichte ein Social Media Walk, der am 27. Januar nicht nur durch die Ausstellung, sondern auch an verschiedene Orte rund um die Binnenalster führte. Weitere rasch ausgebuchte Führungen gab es durch das Museum für Kunst und Gewerbe zum Thema „Raubkunst? Provenienzforschung am Museum“, durch den „Kaufmann-Bunker“ des ehemaligen Hamburger Reichsstatthalters durch den Verein Unter Hamburg e.V, die sogar auf Grund der hohen Nachfrage weitere Sonderführungen anbieten konnten.

Das Konzept „Rund um die Alster“ sah in diesem Jahr vor, dass – passend zu den in der Ausstellung erzählten historischen Begebenheiten – verschiedene Orte rund um die Alster für das Begleitprogramm genutzt wurden. So war die KZ-Gedenkstätte mit Vorträgen in ganz unterschiedlichen Stadtteilen und Gebäuden zu Gast. In das Gebäude des CVJM in der Nähe des Hotels Atlantic kamen über 70 Zuhörer zu einem Vortrag von Prof. Axel Schildt, der ausgehend von der Rede Adolf Hitlers, die dieser 1926 im Hotel Atlantic vor dem Nationalklub von 1919 hielt, die Verbindungen zwischen Hamburger Bürgertum und Nationalsozialsten thematisierte. Das Wilhelm Gymnasium wiederum war Ort eines Vortrages von Dr. Claudia Bade und Dr. Magnus Koch, die das Gebäude und die Geschichte der Sophienterrasse 14 dem interessierten Publikum vorstellten – 1937 zogen dort das Generalkommando des X. Armeekorps und die Wehrkreisverwaltung ein.

Am 23. Januar wurde in der Gedenkstätte Fuhlsbüttel der kirchliche und der politische Widerstand thematisiert, als die Geschichten des Sozialdemokraten Heinz Gärtner durch seinen Sohn Jens Gärtner und des Kaplans Johannes Prassek durch Jochen Proske von der erzbischöflichen Stiftung Lübecker Märtyrer erzählt wurden. Beide, Prassek und Gärtner, waren zeitweise im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert. Prassek wurde wegen seiner Beteiligung am Widerstand hingerichtet. In der anschließenden Diskussion ging es um die Frage, warum die verschiedenen Widerstandsgruppen oft unwillig zur Kooperation waren und inwiefern überhaupt von einem "kirchlichen" Widerstand gesprochen werden könne.

Im Abatonkino wurde der Film „Reslilienz“ gezeigt. Leider war Dr. Hans Gaertner erkrankt und konnte nicht persönlich anwesend sein, als der Dokumentarfilm gezeigt wurde, der den Hamburger Auschwitz-Überlebenden portraitierte.

Am 1. Februar wurde in der Zinnschmelze Swingmusik von einem zeitgenössischen Grammophon gespielt – Uwe Storjohann berichtete lebhaft aus seinen Erinnerungen an seine Zeit als „Swing-Boy“ im Nationalsozialismus und Reinhard Otto vom Barmbeker Schallarchiv ergänzte wissensreich mit Bildmaterial und Hintergrundinformationen. Fast 200 Zuhörerinnen und Zuhörer tauchten in ein Lebensgefühlt ein, welches ein Gegenentwurf zur propagierten Staatsjugend war und erfuhren von Beweggründen der jungen Leute in der „Swing-Jugend“ und auch von ihrer Ausgrenzung und Verfolgung.

Auch der Stadtpark war Ort zweier Veranstaltungen – es gab eine öffentliche Führung zu Skulpturen im Stadtpark und auch einen Vortrag zur Geschichte des Stadparks vor allem während des Nationalsozialismus. Beide Veranstaltungen nutzten auch das sonst öffentlich nicht zugängliche „Sierichsche Forsthaus“ und wurden durch den Stadtpark Verein Hamburg e.V. durchgeführt. Im Vereinshaus des Vfl93 war es der Fußballhistoriker Werner Skrentny, der über die Geschichte des Arbeitersports in Hamburg berichtete und dazu auch zahlreiche bislang unbekannten Fotodokumente zeigte. Der Arbeitersport war eine Massenbewegung, die sich in ihren Inhalten von den so genannten bürgerlichen Sport-Verbänden unterschied. Werner Skrentny beschrieb vor einem sport- und geschichtsinteressierten Publikum die damalige Spaltung in sozialdemokratischen Arbeiter-Turn- und Sport-Bund und kommunistischen Rotsport, das Verbot der Arbeitersportvereine 1933 und die Verfolgung ehemaliger Arbeitersportler in den folgenden Jahren.

Um Zwangsarbeit in Barmbek und Winterhude ging es bei einem Film- und Vortragsbeitrag in der Volkshochschule Saarlandstraße. Gezeigt wurde – in Sichtweite der ehemaligen Werkzeugmaschinenfabrik Heidenreich & Harbeck, die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion beschäftigte – der Film „Zur Zwangsarbeit nach Hamburg“ von Jürgen Kinter. Katja Hertz-Eichenrode und Herbert Diercks ergänzten mit Hintergrundinformationen.

Besonders beliebt und rasch ausgebucht war die alternative Alsterkanalfahrt, die bei winterlichem Wetter und leichtem Eisgang über Binnen- und Außenalster und durch Alsterkanäle führte. Auch hier waren es Katja Hertz-Eichenrode und Herbert Diercks, die zu den vom Wasser sichtbaren Gebäuden an der Alster Aspekte aus der Zeit des Nationalsozialismus aufzeigten und über Kriegswirtschaft, Machtausübung, aber auch Widerstand berichteten.

Die Ausstellung „Rund um die Alster. Hamburger Geschichte im Nationalsozialismus“ ist als Wanderausstellung konzipiert und kann von der Gedenkstätte ausgeliehen werden.

 

Flyer zum Veranstaltungsprogramm

Artikel in der Welt (Artikel vom 18.1.2018)

Filmbeitrag zu Uwe Storjohann von Sat1 (Beitrag vom 5.2.2018)

Storify zum Social Media Walk