06.06.2019 Archivmeldung

"Schick ein kleines Fünkchen Hoffnung"

Martin Stoll verfasste ein Buch über die Deportation der 42 elsässischen Offiziere der Reserve in deutsche Konzentrationslager Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2019
Abbildung eines französischsprachigen Buches über die Deportation der 42 elsässischen Offiziere der Reserve in deutsche Konzentrationslager
Archivar Reimer Möller mit Familie Henneresse in der Ausstellung Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2019
Foto von drei Personen in der Ausstellung der Gedenkstätte vor einer Vitrine mit Effekten von ehemaligen Häftlingen
Effekten-Uhr aus dem Elsass Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2019
Foto einer Armbanduhr vor alten Dokumenten
Gedichte von Martin Stoll aus der Haft Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2019
Foto eines kleinen Schreibheftes mit Gedichten

Marie-Claude Henneresse, geborene Stoll, promovierte Politologiedozentin aus dem Elsass, kam gestern mit unguten Gefühlen in die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Ihr Vater Martin Stoll, Deutschlehrer von Beruf und Reserveoffizier der französischen Armee, war Häftling des KZ Neuengamme gewesen.

1944 hatte die deutsche Besatzungsmacht ihn und 41 Kameraden zum Dienstantritt in der Waffen-SS einberufen. Die Gruppe verweigerte dies geschlossen und formulierte eine Protestresolution, die von allen unterschrieben an Adolf Hitler gesandt wurde. Die Protestierenden wurden festgenommen, in einem Geheimverfahren verurteilt und als „Nacht und Nebel“-Häftlinge in Konzentrationslager eingewiesen. Am 2. August 1944 traf Martin Stoll im Konzentrationslager Neuengamme ein und wurde später in die Außenlager Wittenberge und Hannover-Ahlem weitergeleitet. Im Zuge der Evakuierung der KZ-Lager marschierte er ab dem 4. April 1945 in einer Häftlingskolonne Richtung Bergen Belsen. Am dritten Marschtag konnte er sich von der Kolonne absetzen. Ein deutscher Kommunist und französische Kriegsgefangene halfen ihm, sich bis zum Eintreffen der britischen Armee zu verstecken.

Am 2. Mai 1945 war Martin Stoll wieder zurück in seiner Heimat Colmar. 1950 reichte ihm das französische Ministerium für Kriegsteilnehmer und Opfer des Krieges seine Armbanduhr zurück, die ihm bei Antritt der KZ-Haft abgenommen worden war. Diese Uhr hat Frau Henneresse jetzt der KZ-Gedenkstätte Neuengamme übergeben. Zum Konvolut gehören auch Bescheinigungen über Martin Stolls Verfolgung, die für seine staatliche Anerkennung als Deporté Politique und die Aufnahme in die Ehrenlegion erforderlich waren. Martin Stolls Schicksal hat seine Liebe zur deutschen Sprache und Kultur nicht beeinträchtigt. Während der Haft hat er sich geistig aufgerichtet, indem er Epigramme und Gedichte über Naturerscheinungen und spirituelle Themen geschrieben hat. In Freiheit hat er seine lyrischen Werke in ein Schulheft niedergeschrieben, das jetzt ebenfalls in die Sammlung der Gedenkstätte aufgenommen ist und an ihn erinnert.