17.05.2019 Bericht

Der russische Ehrenfriedhof Gudendorf

Denkmal in Gudendorf Foto: Gundula Orth, 2019
Reimer Möller auf der Gedenkfeier in Gudendorf am 4. Mai 2019 Foto: Gundula Orth, 2019

Am 4. Mai 2019 hielt Dr. Reimer Möller, Archivar an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, auf dem russischen Ehrenfriedhof in Gudendorf eine Rede anlässlich des 74. Jahrestags der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft. Er thematisiert in seiner Rede das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Dithmarschen und die Geschichte des Kriegsgräberfriedhofs in Gudendorf. Im Oktober 1941 kamen 1000 sowjetische Kriegsgefangene auch in das KZ Neuengamme, wo sie in einem als "Kriegsgefangenen-Arbeitslager" abgeteilten Lagerbereich zusammengepfercht wurden. Innerhalb von acht Monaten starben 652 von ihnen. Die Überlebenden wurden im Juni 1942 ins KZ Sachsenhausen verlegt; ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

Am 7. Mai 1945 marschierte die 7th armoured Division der britischen Armee nach Dithmarschen ein. Für die rund 250 sowjetischen Soldaten, die auf dem Friedhof Gudendorf begraben sind, kam die Befreiung zu spät. Sie haben ihre Kriegsgefangenschaft in Schleswig-Holstein nicht überlebt.

Da in der NS-Ideologie die Bevölkerung der Sowjetunion als politische und rassische Gefahr galt, ließ die Wehrmacht ihre sowjetischen Kriegsgefangenen zunächst an Versorgungsmängeln zugrunde gehen. Dies auch in Norddeutschland, und zwar in den sogenannten „Russenlagern“ der Lüneburger Heide in Fallingbostel, Wietzendorf  und Oerbke. Die Zahl der Opfer beläuft sich für Fallingbostel und Oerbke auf 30.000 bis 40.000 Tote bzw. 16.000 Tote für Wietzendorf.

Als das Scheitern der Offensive vor Moskau im Herbst 1941 weitere „Blitzkriegs“-Siege unmöglich machte, sahen sich die Verantwortlichen der NS-Führungsspitze zu einem Politikwechsel gezwungen. In dem sich abzeichnenden langen Abnutzungskrieg würde es auf die Leistungsfähigkeit der Kriegswirtschaft ankommen. Die gesteigerten Produktionsanforderungen an Industrie und Gewerbe einerseits und auf der anderen Seite die millionenfachen Einberufungen zur Wehrmacht sorgten aber für einen eklatanten Arbeitskräftemangel.

Um die Lücken zu schließen, wurden Millionen ausländische Frauen und Männer aus den okkupierten Gebieten Europas als Zwangsarbeitskräfte nach Deutschland deportiert. Auch die Arbeitskraft der 4,5 Millionen Kriegsgefangenen galt nun als unverzichtbar und daher wurden Lebensbedingungen auch für die sowjetischen Gefangenen so eingerichtet und die Nahrungsmittelversorgung so bemessen, dass die Arbeitskraft erhalten bleiben konnte. Der Arbeitseinsatz der ausländischen Kräfte erfolgte flächendeckend auch in Schleswig Holstein. Dem Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager in Schleswig unterstanden bis zu 71.966 Gefangene, darunter bis zu 23.280 Angehörige der Roten Armee der Sowjetunion.

Regionaler Schwerpunkt des Einsatzes sowjetischer Kriegsgefangener war seit November 1941 Dithmarschen. Da sie wegen der mörderischen Bedingungen in den Lagern in der Lüneburger Heide in schlechter körperlicher Verfassung waren, starben sie in großer Zahl. Ferdinand Diekmann, kommissarischer NSDAP-Kreisleiter des Kreises Süderdithmarschen und Bürgermeister in Meldorf äußerte sich dahingehend, dass er  gegen das Massensterben sowjetischer Gefangener an sich nichts habe. Es solle nur besser abgeschirmt stattfinden.

In anderen Gegenden Schleswig-Holsteins war die Sterblichkeit der sowjetischen Kriegsgefangenen gleichfalls herausragend hoch. Deshalb richtete die Wehrmacht das zentrale „Erweiterte Krankenrevier Heidkaten“ bei Kaltenkirchen ein, das im April 1944 nach Gudendorf verlegt wurde. In dieses Krankenrevier wurden alle sowjetischen Kriegsgefangenen aus Schleswig-Holstein eingeliefert, wenn sich schwerere Gesundheitsprobleme zeigten.

Seitdem russische Archive zugänglich sind, konnten neue Quellen ausgewertet werden, so wie die Kriegsgefangenen-Personalkarteikarten der Wehrmacht und eine namentliche Aufstellung der Roten Armee vom November 1945, in der 1500 Soldaten verzeichnet sind, die von 1941-1945 im Bezirk des Stalag XA Schleswig verstorben sind. Daraus ergab sich, dass in Heidkaten 450 Rotarmisten gestorben sind, die große Mehrheit zwischen Dezember 1941 und April 1942. In den drei Jahren danach war die Sterblichkeit in Heidkaten und nach der Verlegung in Gudendorf verhältnismäßig gering. Das heißt, dass die Charakterisierung des Erweiterten Krankenreviers Heidkaten als „Sterbelager“ für die ersten fünf Monate zutrifft, für die folgenden drei Jahre aber nicht mehr.

Auch in Gudendorf kam es wegen fehlender Quellen zu falschen Annahmen. In Unterlagen des Landesinnenministeriums war die Rede davon, auf diesem Friedhof seien mehr als 3.000 Tote bestattet.Das Landesamt für Bodendenkmalpflege hat hier vor einigen Jahren nach Hinweisen aus der Bevölkerung Verdachtsflächen sondiert, um Massengräber zu finden. Gefunden wurde keins. Die erwähnte sowjetische Namensaufstellung vom November 1945 führt 34 Gudendorf-Tote auf.

Doch es gab in Gudendorf sehr viel mehr Gräber: Die erste Ehrengrabanlage, die hier im Sommer 1945 angelegt wurde, hatte 44 Grabhügel. Überlegungen zu Umbettungen aus vereinzelten Kriegsgräbern auf zentrale Ehrenfriedhöfe gab es in der Landesregierung in Kiel seit 1952. In Gudendorf sollte letzlich der zentrale russische Ehrenfriedhof entstehen. Im November 1960 waren 248 Umbettungen nach hier beendet.

Allein 80 Personen stammten aus Broweg im Kreis Nordfriesland. Das dortige Kriegsgefangenen-Arbeitskommando war für Unteroffiziere der Roten Armee bestimmt, die auf Einhaltung der Genfer Kriegsgefangenenkonvention bestanden. Danach hätten sie nicht zu körperlicher Arbeit gezwungen werden dürfen, aber genau das geschah in Broweg. Broweg ist nach Heidkaten die Kriegsgefangeneneinrichtung in Schleswig-Holstein mit der zweitgrößten Sterblicheit.

1961 wurde in Gudendorf ein Denkmal aufgestellt. Siegried Assmanns Skulptur zeigt den Fährmann Charon, der die Seelen der Toten über den Acheron, den Fluss des Leides und des Schmerzes, übersetzt. Über den Beweggrund dieser Motivwahl schrieb das Innenministerium in Kiel: „Für die Form des Mals wurde, um nicht russische Embleme oder andere Zeichen der russischen Wehrmacht“ – so heißt es in der Quelle – „verwenden zu müssen, bewußt ein neutraler Begriff der griechischen Mythologie gewählt.“

Über Inhalte des Gedenkens entwickelte sich hier ebenso wie auf nationaler Ebene ein breiter politischer Konsens erst nach und nach. Bundespräsident Richard von Weizäckers Rede zum vierzigsten Jahrestag der Befreiung am 8. Mai 1985, in der er sich für kritische und selbstreflexive Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und Schuld aussprach, war ein Meilenstein.

Heute 74 Jahre nach der Befreiung ist es wichtig,  an NSDAP-Kreisleiter Diekmanns Rassismus zu erinnern und daran, dass die von seiner Partei angeleiteten Exekutivorgane des Staates die Menschenwürde der sowjetischen Gefangenen fundamental missachtet haben. Die besonders bösartige Programmatik dieser Partei hat Millionen Opfer gefordert – darunter die Toten, die in Gudendorf bestattet sind.

 

Die vollständige Rede mit Belegen findet sich hier (Offenes Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Gedenkstätte Gudendorf