01.10.2020 Veranstaltung, Bericht

Bericht zu Ricardo Lenzi Laubingers Lesung „Und eisig weht der kalte Wind“

Am 29. September präsentierte Ricardo Lenzi Laubinger auf Einladung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sein Buch „Und eisig weht der kalte Wind“ im Ökumenischen Forum in der HafenCity Hamburg.

Nach einer Einleitung von Dr. Kristina Vagt (KZ-Gedenkstätte Neuengamme), las Karin Heddinga (KZ-Gedenkstätte Neuengamme) Auszüge aus Laubingers Buch. Ricardo Lenzi Laubinger begleitete die Lesung, indem er einige Lieder auf einer Violine vortrug. Auch die Lieder hatten eine persönliche Bedeutung: So komponierte der bekannte Violinist Georges Boulanger eins für Laubingers Großvater.

In seinem Buch berichtet Ricardo Lenzi Laubinger insbesondere von seiner Mutter Sichla Weiss, eine deutsche Sintiza, die 1940 im Alter von 14 Jahren zusammen mit ihren Angehörigen von Hamburg in das Zwangsarbeitslager Belzec im deutsch-besetzten Polen deportiert wurde. Sie überlebte fünf Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern. Fast ihre gesamte Familie wurde ermordet.

Laubinger hielt auch eine Präsentation über die Geschichte seiner Familie und Angehörigen. Er berichtete von ihrer schrittweisen Entrechtung und systematischen Verfolgung, bis hin zur Deportation und über ihre traumatischen Erlebnisse im NS-Konzentrationslagersystem. Dabei sprach er nicht nur über den Völkermord der Sintize/Sinti und Romnja/Roma (Porajmos), sondern auch über den Neuanfang der verfolgten Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg und den Kampf um Anerkennung und finanzielle Wiedergutmachung.

Zum Abschluss moderierte Karin Heddinga eine Diskussion mit Laubinger und dem Publikum, wo er – als Gründer und Vorsitzender der Sinti-Union Hessen e.V., die die Interessen der Deutschen Sintize/Sinti vertritt – von seinen persönlichen Kampf gegen die Diskriminierung der Sintize/Sinti und Romnja/Roma in der heutigen deutschen Gesellschaft erzählte.

Wie es in den heutigen Zeiten normal ist, fand die Veranstaltung unter eingeschränkten Bedingungen statt. Das „socially distanced“ Publikum war von Laubingers Familiengeschichte sichtlich berührt.

Dr. Kristina Vagt, Kuratorin im Projekt „denk.mal Hannoverscher Bahnhof: „Es ist bewegend, wie Ricardo Lenzi Laubinger sehr persönliche Einblicke in die Verfolgungsgeschichte seiner Familie gibt, und beeindruckend, wie er sich gegen die andauernde Diskriminierung der Minderheit und für ihre Rechte einsetzt.“

Amina Edzards, Veranstaltungsorganisatorin, KZ-Gedenkstätte Neuengamme: „Was ich außergewöhnlich an der Veranstaltung fand, waren die vielen unterschiedlichen Medien. Zum einen wurde vorgelesen, zum anderen wurden Familienfotos gezeigt, was die Geschichte wiederum sehr persönlich gemacht hat. Und dann hat Ricardo noch Geige gespielt. Das hat die Thematik nochmal intensiviert, weil seine ganze Familie, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurde, waren Musiker, spielten Geige, Klavier, Harfe. Das waren Menschen, die dort vernichtet wurden, mit all ihrer Kultur und ihrer Menschlichkeit, und das ist mir durch die Musik [von Laubinger] nochmal sehr eindrücklich klar geworden.“

Justin Warland, FSJ Kultur in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: „Die persönliche Geschichte Laubingers als ein junger Sinto, der in der Nachkriegszeit in Deutschland aufwuchs, ist faszinierend und tragisch, vor allem, wenn er seine Erfahrungen mit Trauma, Erniedrigung und Diskriminierung schilderte.“

 

Ein Bericht von Justin Warland