11.11.2020 Bericht

Bericht über das erste digitale Workcamp "Was bleibt/What remains"

Auch das jährlich stattfindende internationale Workcamp an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme konnte in diesem Jahr, wie so viele geplante Veranstaltungen, nicht in gewünschter Form stattfinden. Statt es aber komplett ausfallen zu lassen, wurde ein neuer Weg versucht und so erstmals ein Online-Workcamp veranstaltet. Auch diese digitale Variante wurde in Kooperation mit dem Service Civil International (SCI) organisiert und ausgeschrieben.

Vom 5. bis 19. August 2020 arbeiteten 14 Teilnehmende und 2 Teamer:innen aus vier verschiedenen Kontinenten digital zusammen. Die Teilnehmenden schalteten sich aus Aserbaidschan, Belarus, Deutschland, Indien, Indonesien, Kasachstan, Mexico, Russland, Uganda, Usbekistan und Vietnam zu den Workcamp-Videokonferenzen. Die internationale Zusammensetzung der Teilnehmenden war wie immer eine große Bereicherung für die Diskussionen und den Austausch, aber sie brachte auch neue logistische Herausforderungen für die Organisation des Projektes mit sich.

Während sonst bei internationalen Workcamps die Teilnehmenden nach Neuengamme reisen, um zwei Wochen lang vor Ort zusammen zu verbringen und gemeinsam zu arbeiten, waren es nun die verschiedenen Zeitzonen mit teilweise 12 Stunden Zeitunterschied, in denen Teilnehmende leben, die die gemeinsame Arbeitszeit schmälerten und sehr kostbar machten. Die sechs festgelegten zentralen und gemeinsamen Meetings fanden um 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit statt. In Mexiko war das um sieben Uhr morgens, in Indonesien und Vietnam 19 Uhr abends.

„My curiosity kept on growing each day, which I didn’t expect.“ (Sreja, Indien)

Zwischen den Meetings arbeiteten die Teilnehmenden in Kleingruppen oder auch allein an den Projekten weiter. Das zentrale Arbeitsprojekt des diesjährigen Workcamps war die Erneuerung der Wikipedia-Einträge zum KZ Neuengamme in verschiedenen Sprachen. Die internationalen Teilnehmenden überarbeiteten und ergänzten Einträge, etwa auf Russisch oder Spanisch. Außerdem legten sie auch neue Einträge in Sprachen an, in denen es noch keinen Eintrag zum KZ Neuengamme gab, etwa auf Indonesisch, Vietnamesisch, Kasachisch oder Hindi.

Wie auch in den vergangenen Jahren schrieben die Teilnehmenden mehrere Beiträge für die Bergedorfer Zeitung. 

Der zentrale Aspekt jedes internationalen Workcamps ist die Begegnung. Durch das digitale Format war genau dieser Aspekt eine weitere besondere Herausforderung. Durch die knappen Zeitfenster der Videokonferenzen standen organisatorischer, inhaltlicher und zwischenmenschlicher Austausch zeitlich immer in Konkurrenz zueinander. Da aber gerade die Begegnung und der Austausch sehr wichtig für die Motivation zur aktiven Teilnahme waren, mussten auch hier neue Lösungen gefunden werden. Dafür wurden weitere online-Plattformen eingerichtet:

Neben gemeinsamen online-Meetings gab es eine zusätzliche interne Plattform, auf denen die Teilnehmenden sich vorstellen konnten und neben Texten und Fotos auch Video- und Audioaufnahmen, etwa zur Motivation der Teilnahme sowie ihre Eindrücke nach einzelnen Programmpunkten teilen konnten. So entwickelte sich von Tag zu Tag mehr Gruppengefühl.

„Even digital, even online, we still had lots of experience here. And more knowledge, especially on the Neuengamme Concentration Camp.“ (Devi, Indonesien)

Der inhaltliche Schwerpunkt des digitalen Workcamps war die Auseinandersetzung mit der Geschichte des KZ Neuengamme. Der traditionell zu Beginn jedes Workcamps stattfinde ausführliche Rundgang über das Gelände der KZ-Gedenkstätte wurde zu einem live gestreamten digitalen Rundgang, der den Teilnehmenden den Ort und seine Geschichte näher brachte.

Da auch mehrere der Teilnehmenden als Multiplikatoren (Lehrkräfte, etc.) tätig sind, und das gewonnene Wissen u.a. in ihren Unterricht mitnehmen, erzielte das digitale Workcamp eine Wirkung auch über das eigentliche Programm hinaus und brachte Kontakt zu Menschen in entfernen Regionen, mit denen bisher wenig bis kein Austausch stattfand.

Das digitale Format des diesjährigen Workcamps war vor allem eine technische Herausforderung. Es gab instabile Internetverbindungen, Regengüsse in Indien, die das Internet aussetzen ließen, eine Einschränkung der Internetnutzbarkeit in Kasachstan auf eine Stunde nachts oder die Abschaltung des Internets in Belarus nach den Protesten, die die Präsidentenwahl begleiteten. Dies erschwerte den Teilnehmenden den Zugang zu den gemeinsamen online-Meetings oder verhinderte sie gar komplett. Dennoch ließen sie sich davon nicht entmutigen. Die Teilnehmerin aus Kasachstan nutzte gezielt die tägliche Stunde, in der das Internet im Land verfügbar war, für das Workcamp, andere Teilnehmende suchten extra für die Videokonferenzen andere Städte mit besserer Internetverbindung auf, oder blieben nach der Erwerbsarbeitszeit im Büro, um von dort aus am online-Meeting teilnehmen zu können.

„When this situation with Covid-19 started I thought: Oh my God, I’m never gonna get out of my house! But right now I’m in eight or nine different Nations ... and that was really amazing.“  (Naivy, Mexiko)

Die Solidarität der Teilnehmenden war beeindruckend. Sie nahmen nicht nur regen Anteil an der jeweiligen politischen Situation ihrer Länder, sondern initiierten auch Austausch zu Themen wie das der unterschiedlichen Situationen der einzelnen Länder in der Covid-19-Pandemie. Diese sehr persönlichen und berührenden Einblicke bereicherten das digitale Workcamp über das eigentliche Thema hinaus und werden allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben.

Thank you so much for the opportunity. Thank you for the openness, thank you for giving us such a platform to express our views, to share our minds and also to connect. I appreciate that and pray that we keep the spirit.“ (Henry, Uganda)

Melani Klaric, Martin Reiter

Schlagworte: Workcamp (7)