Neue Fallstudien zeigen die Bandbreite des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Er war umfangreicher und vielfältiger, als es die öffentliche Wahrnehmung nahelegt.
Mit dem Widerstand hat die Forschung zum Nationalsozialismus zuletzt ein Thema wiederentdeckt, um das es in den vergangenen Jahrzehnten recht still geworden war, nachdem sich die Perspektive stärker in Richtung der Täter:innen gerichtet hatte und der Widerstand mit der Distanzierung von DDR-Mythen um den antifaschistischen Widerstandskampf bis in die Wissenschaft und in Gedenkstätten hinein in toto diskreditiert worden war.
Über 35 Jahre nach dem Ende der DDR und geschichtspolitischer Deutungskämpfe in den 1990er-Jahren ist es Zeit für eine kritische Neubewertung des Themas. Im vorliegenden Heft werden neue Ansätze vorgestellt, die sich dem Widerstand aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Dabei wird die ganze Bandbreite des Verhaltens zwischen offenem Widerstand und Selbstbehauptung in den Blick genommen. Zudem werden Gruppen untersucht, die bislang nicht im Fokus der Widerstandsforschung standen, so etwa Sinti:ze und Rom:nja oder auch Menschen, die als sogenannte »Asoziale« in die Konzentrationslager verschleppt wurden. Eine besondere Rolle spielt dabei die internationale Perspektive. Widerstand wurde vor allem von Nichtdeutschen geleistet – in den besetzten Gebieten, aber auch in den Lagern oder bei der Zwangsarbeit im Deutschen Reich.
Janosch Steuwer
Wie der »Widerstand« nach Deutschland kam Zur Bezeichnung deutscher NS-Gegner:innen vor und nach 1945
»Widerstand« gehört zu den Kern begriffen der NS-Forschung. Entsprechend intensiv haben Historiker:innen in den vergangenen 50 Jahren seine Bedeutung und seinen wissenschaftlichen Gebrauch diskutiert. Dass der heute zentrale Begriff bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges kaum verwendet wurde, ist in diesen Diskussionen allerdings weitgehend unbeachtet geblieben. Der Aufsatz plädiert für eine größere begriffsgeschichtliche Sensibilität. Er fragt zunächst danach, welche Bedeutungen und Verwendungen die Ausdrücke »Widerstand« und »Widerstandsbewegung« vor und während des Nationalsozialismus hatten und inwiefern sie zur Bezeichnung von NS Gegner:innen verwendet wurden. An schließend wird nachvollzogen, wie sich »Widerstand« in der frühen Nachkriegszeit im Sprachgebrauch durch setzte und dabei einen grundlegenden Bedeutungswandel erfuhr: von einem militärischen Ausdruck für organisierte und bewaffnete Gegenwehr im besetzten Europa hin zu einer umfassenden Sammelbezeichnung für unterschiedlichste Formen von Opposition, Dissens und Verweigerung auch in Deutschland. Der Aufsatz macht »Widerstand« damit als ein im Rückblick entstandenes politischen, erinnerungskulturellen und gesellschaftlichen Interessen der Nachkriegszeit hervorging. Er fordert Historiker:innen dazu auf, sich der dem Begriff eingeschriebenen Perspektiven und Erzählmuster bewusst zu werden und nach alternativen Zugängen zu den politischen Gegner:innen des Nationalsozialismus zu suchen, die deren viel fältige historische Selbstverständnisse, Uneinheitlichkeiten und Widersprüche genauer freilegen können, als es die Erinnerungskategorie »Widerstand« vermag.
How the ›resistance‹ came to Germany: On the designation of German opponents of National Socialism before and after 1945
›Resistance‹ is a key term in the study of National Socialism. Its meaning and scholarly use have therefore been dis cussed intensively by historians over the past 50 years. However, these dis cussions have largely overlooked the fact that this term, which is of central im portance today, was hardly used until the end of the Second World War. The article calls for greater awareness of the history of the term. It first examines the meaning and use of the expressions ›re sistance‹ and ›resistance movement‹ be fore and during the National Socialist period and how they were applied to op ponents of National Socialism. It then traces how ›resistance‹ became an estab lished term in the early postwar period while undergoing a fundamental change Deutungsmuster sichtbar, das aus den in meaning: from a military expression for organized and armed countermovements in occupied Europe, to a broad collective designation for diverse forms of opposition, dissent and refusal, in cluding in Germany. The article shows ›resistance‹ to be an interpretive pattern which emerged in retrospect from the political, memo ry-cultural and societal interests of the postwar period. It encourages historians to be aware of the concept’s inscribed perspectives and narrative patterns and to search for alternative approaches to understanding the political opponents of National Socialism, which can reveal their diverse historical self-conceptions, inconsistencies and contradictions more clearly than the memory category of ›re sistance‹ is able todo.
Ricarda Rogalla
Sich der Gewalt undienlich machen Widerständige Praktiken von Betty Voss und anderen als »asozial« klassifizierten Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück
Der Aufsatz untersucht wider ständige Praktiken von Frauen, die im Konzentrationslager Ravensbrück sozialrassistisch als »asozial« klassifiziert und inhaftiert wurden. Während die Forschung bisher vor allem den Widerstand politisch Inhaftierter oder organisierte Formen des Widerstands fokussierte, blieben sowohl sozialrassistisch verfolgte Frauen als auch bestimmte Formen widerständigen Handelns weit gehend unbeachtet. Zugleich wurde den sozialrassistisch Verfolgten und Inhaftierten vielfach mangelnde Moralität, fehlender Kollektivgeist, mangeln des Verantwortungsbewusstsein und fehlendes politisches Bewusstsein zu geschrieben und damit das Vermögen zu Praktiken des Widerstands ab gesprochen. Ausgehend von dieser Forschungslücke wird gefragt, inwiefern als »asozial« klassifizierte Frauen der Gewalt der SS und der Aufseherinnen nicht restlos erlagen. Hierzu wird das von Iris Därmann entwickelte Konzept der »Undienlichkeit« als heuristischer Zugang genutzt. Das Konzept ermöglicht, Praktiken sichtbar zu machen, mit denen Subjekte der gewaltvollen Dienstbarmachung durch die SS im Lager aktiv oder passivierend ein Dagegen entgegen setzten, ohne dass damit Widerständigkeit auf organisierte Handlungen verengt oder auf jede Form des Überlebens in der Lagersituation ausgeweitet wird. Anhand der Erzählungen der Über lebenden des KZ Ravensbrück Betty Voss werden Praktiken wie kollektive Nahrungsbeschaffung und körperliche Verweigerung sowie Zeuginnenschaft rekonstruiert. Die Analyse zeigt, dass bestimmte Formen widerständigen Handelns durch einen voraussetzungsreichen Widerstandsbegriff nicht er fassbar sind und zusätzlich durch historische Zuschreibungen gegenüber als »asozial« Inhaftierten überlagert wer den. Der Aufsatz verweist damit auf die Bedeutung präziser analytischer Begriffe für die Sichtbarkeit von Widerständigkeit in den Gewalträumen der national sozialistischen Lager.
Making oneself unserviceable to violence: Resistant practices by Betty Voss and other women classified as ›asocial‹ in the Ravensbrück
concentration camp The article examines resistant prac tices by women imprisoned in the Ra vensbrück concentration camp who were given the socially racist classifica tion of ›asocial‹. Researchers to date have focussed mainly on the resistance of po litical prisoners and organized forms of resistance, while women persecuted for socially racist reasons and certain other forms of resistant actions have been largely ignored. At the same time, people persecuted and imprisoned on socially racist grounds were often ascribed with a lack of morality, no collective spirit, a deficient sense of responsibility and a lack of political awareness, and were thus viewed as being incapable of engaging in practices of resistance. Starting from this research gap, the ar ticle explores how women classified as ›asocial‹ did not entirely succumb to the violence of the SS and the female guards. Iris Därmann’s concept of Undienlich keit or ›unserviceability‹ is used as a heu ristic point of access here. This concept makes it possible to identify practices through which women who were sub jected to violently enforced subservience by the camp SS opposed this in an active or passivating way, without resistance being limited to organized actions or ex panded to encompass every form of sur vival in the camp situation. The account of the Ravensbrück sur vivor Betty Voss is used to reconstruct practices such as collective food acqui sition, physical refusal and bearing wit ness. The analysis shows that certain forms of resistant activity cannot be as certained using a presuppositional con cept of resistance, and they are addition ally blanketed by the traits historically attributed to ›asocial‹ prisoners. The arti cle thus points to the importance of pre cise analytical concepts for the visibility of resistance in the violent spaces of the National Socialist camps.
Franziska Mendler
»Ich habe immer den festen Willen in mir gehabt« Sinti:ze und Rom:nja im KZ Buchenwald – Selbstbehauptung und Solidarität
Mehr als 3600 Sinti:ze und Rom:nja wur den von 1938 bis 1945 in das KZ Buchenwald und dessen Außenlager verschleppt. Der Aufsatz widmet sich dieser bisher wenig erforschten Häftlingsgruppe im KZ Buchenwald. Dabei stehen die Aspekte Selbstbehauptung und Solidarität, die als Gegenwehr zu der von der SS intendierten Entmenschlichung der Häftlinge und damit als Widerstand in einem weiteren Sinne anzusehen sind, im Mittelpunkt. Die SS ordnete Sinti:ze und Rom:nja in der Regel der Häftlingskategorie »ASR« (»Arbeitsscheu Reich«) zu. Sie standen damit auf der untersten Stufe der von der SS vorgenommenen rassistischen Hierarchisierung der Häftlinge. Trotz der dadurch bedingten schlechteren Lebens- und Arbeitsbedingungen und geringeren Überlebenschancen entwickelten Sinti:ze und Rom:nja während ihrer Haft im KZ Buchenwald Überlebensstrategien und Formen von Selbstbehauptung, die sich auch in Be richten Überlebender finden. Analysiert wird, inwieweit das in diesen Berichten geschilderte Handeln von Sintize und Rom:nja als widerständiges Verhalten eingeordnet werden kann. Als Teil der heterogenen Zwangsgemeinschaft im Konzentrationslager war die Häftlingsgruppe der Sinti:ze und Rom:nja nicht vollständig isoliert und kam mit anderen Häftlingen und Häftlingsgruppen in Kontakt. Daher wird auch der Frage nachgegangen, ob es Solidarität gegenüber Sinti:ze und Rom:nja vonseiten anderer Häftlinge geben hat und in welchen Grenzen diese möglich war.
›I always had the strong will in me‹: Sinti and Roma in the Buchenwald concentration camp – self-assertion and solidarity
More than 3,600 Sinti and Roma were deported to the Buchenwald concen tration camp and its satellite camps from 1938 to 1945. The article looks at this prisoner group in Buchenwald, which has been under-researched to date. It focuses on the aspects of self-assertion and solidarity, which can be viewed as forms of opposition to the dehumani zation of the prisoners intended by the SS and thus as resistance in a broader sense. The SS generally assigned Sinti and Roma to the prisoner category of ›ASR‹ (Arbeitsscheu Reich or ›Work-shy Re ich‹). They were therefore on the low est rung of the racist prisoner hierarchy designed by the SS. This category meant that these prisoners were subjected to worse living and working conditions and therefore had poorer chances of survival. Despite this, Sinti and Roma prisoners developed survival strategies and forms of self-assertion during their imprison ment in Buchenwald which are also de scribed in the accounts of survivors. The article analyzes the extent to which the actions by Sinti and Roma prisoners as described in these accounts can be clas sified as resistant behaviour. As part of the heterogeneous enforced community in the concentration camp, the prisoner group of Sinti and Roma was not entirely isolated and came into contact with other prisoners and pris oner groups. The article therefore also explores the question of whether other prisoners demonstrated solidarity towards Sinti and Roma and the limits within which this was possible.
Cornelia Shati-Geissler
Zeugnis ablegen Der vergessene Widerstand jüdischer Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen am 22. Oktober 1942
Am 22. Oktober 1942 wehrte sich eine Gruppe von achtzehn jüdischen Häftlingen gegen ihre, wie sie befürchteten, Erschießung im Konzentrationslager Sachsenhausen. Tatsächlich, für die jungen Männer aber nicht ersichtlich, hatte die Lagerleitung für diesen Tag jedoch nicht ihren Mord im Lager selbst, sondern die Deportation der Juden aus Sachsenhausen in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz an gesetzt. In dem Aufsatz wird dieser für die deutschen Konzentrationslager beispiellose offene und unbewaffnete Gruppenwiderstand rekonstruiert und nach Gründen für das weitgehende Vergessen dieses Widerstands gefragt. Der Widerstand, so die Annahme, wurde von dem Wunsch der Beteiligten getragen, ihre Gegenwehr vor den an deren Häftlingen zu bezeugen, sowie durch ihre Annahme, in Sachsenhausen ermordet zu werden. Der Widerstand wird zudem als ein Akt jüdischen Wider stands vorgestellt, der bei einigen Teil nehmenden (auch) politisch begründet war. Zum weitgehenden Vergessen des Widerstands wird auch das Fehlen von Täterdokumenten über das Ereignis für einen Quellenvergleich beigetragen haben, insbesondere vor dem Hintergrund der lange bestehenden Vorbehalte in der deutschen Geschichtsschreibung gegenüber Selbstzeugnissen. Berichte über die Gegenwehr der achtzehn jüdischen Häftlinge am 22. Oktober 1942 liegen nur von den Beteiligten selbst sowie von Häftlingen, die den Protest miterlebt haben, vor. Auch um das Be schweigen des Widerstands durch die SS nicht fortzusetzen, ist es notwendig, diesen Akt jüdischen Widerstands – und damit von Agency und Zeugnisablegen jüdischer Häftlinge – wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Bearing witness: The forgotten resistance of Jewish prisoners in the Sachsenhausen concentration camp on 22 October 1942
On 22 October 1942, a group of eighteen Jewish prisoners in the Sachsenhausen concentration camp rose up in resistance because they feared they were going to be shot. Though these young men did not know it, the camp leader ship had not actually planned to mur der the prisoners in the camp itself on this day, but rather to deport the Jews from Sachsenhausen to the Auschwitz concentration and extermination camp. The article reconstructs this act of open and unarmed group resistance, which was unprecedented in the German con centration camps, and explores why it has largely been forgotten. It is assumed that the prisoners resisted out of a de sire to demonstrate their opposition in front of the other inmates, as well as be cause they thought they were going to be murdered in Sachsenhausen. Their actions are also presented as an act of Jewish resistance which was (addition ally) politically motivated for some of the prisoners involved. The lack of per petrator documents about the event, which would have made it possible to compare sources, is partially responsible for why this act of resistance has largely the long-standing reservations towards personal testimonies in German histori ography. The only accounts of the oppo sition by the eighteen Jewish prisoners on 22 October 1942 are from the inmates involved and other prisoners who wit nessed the protest. It is necessary to re call this act of Jewish resistance – and thus the agency and witness bearing of Jewish prisoners – not least as a way of breaking the silence around it imposed by the SS.
Maximilian Schulz
Der Häftlingsaufstand im KZ-Außenlager Mülsen St. Micheln am 1. Mai 1944
Angetrieben von ihrem Wunsch zur Flucht legten in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1944 sowjetische Häftlinge im Außenlager Mülsen St. Micheln des KZ Flossenbürg Feuer. Mit dem Entzünden ihrer Strohsäcke in den geschlossenen Kellerräumen einer zur NS-Zwangsarbeit umfunktionierten Textilfabrik setzten sie sich gegen die katastrophalen Arbeits- und Existenzbedingungen zur Wehr. Schnell entwickelten sich die Flammen zu einem Inferno, und die SS-Bewacher reagierten mit äußerster Brutalität auf den Ausbruchversuch. Nur wenige Häftlinge überlebten. Neben lokalen und situativen Faktoren ist für dieses Ereignis besonders die Gruppe der sowjetischen Häftlinge von Bedeutung, denn sie wurde für den gewaltsam nieder geschlagenen Aufstand verantwortlich gemacht. In diesem Aufsatz werden Ursachen, Ablauf und Folgen des Auf stands umrissen und erstmals auch beteiligte Häftlinge – in das KZ-System überstellte sowjetische Zwangsarbeiter – exemplarisch vorgestellt. Zwar bildeten die sowjetischen KZ-Häftlinge nicht die Gesamtheit der Gefangenen im Außen Lager Mülsen St. Micheln, ihr Handeln ist jedoch innerhalb des Lagerkomplexes Flossenbürg beispiellos und einer der seltenen Akte aktiven physischen Wider stands in Konzentrationslagern.
The prisoner uprising in the Mülsen St. Micheln satellite camp on 1 May 1944
Driven by a desire to escape, Soviet pris oners in the Mülsen St. Micheln satel lite camp of the Flossenbürg concen tration camp lit a fire on the night of 30 April 1944. The prisoners took a stand against their catastrophic work ing and living conditions by setting fire to their straw mattresses in the locked cellar rooms of a textile factory that had been repurposed for forced labour under the National Socialists. The flames soon became an inferno, and the SS guards re sponded to the escape attempt with ex treme brutality. Very few prisoners sur vived. In addition to local and situational factors, the Soviet prisoners themselves are a particularly important component in this event because they were blamed for the violently suppressed uprising. This article outlines the causes, course and consequences of the uprising and, for the first time, presents examples of some of the prisoners involved – Soviet forced labourers who had been trans ferred into the concentration camp sys tem. While Soviet concentration camp prisoners did not account for all the in mates in the Mülsen St. Micheln satellite camp, their actions were unprecedented within the Flossenbürg camp complex and represent one of the rare acts of ac tive physical resistance in the concentra tion camps.
Tila de Almeida Mendonça
Das Studium der Humanmedizin im Warschauer Ghetto Eine Fallstudie zu Bildung als Form von Widerstand
Von der nationalsozialistischen Besatzung Polens wurden die Hochschulen verboten und geschlossen. Dennoch setzten die Universitäten ihre Arbeit im Untergrund fort, bildeten Tausende Studierende aus und führten wissenschaftliche Forschungen weiter. Auch Fakultäten der Universität Warschau organisierten sich eigenständig, verteilten ihre Aktivitäten über die gesamte Stadt und konnten ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit erfolgreich vor den deutschen Besatzer:innen verbergen. Die Medizinische Fakultät war dabei sowohl innerhalb als auch außerhalb des Warschauer Ghettos tätig. Gestützt auf Berichte von Beteiligten aus der Nachkriegszeit sowie auf Oral History-Interviews aus den 1980er-Jahren werden im Aufsatz Aktivitäten der Medizinischen Fakultät im Warschauer Ghetto unter der Frage betrachtet, in wieweit Forschung, Lehre und Ausbildung als Formen intellektuellen, humanitären und praktischen Widerstands verstanden werden können, und zwar auch dann, wenn die Beteiligten diesen Begriff nicht selbst verwenden. Die Untersuchung verbindet hierbei begriffsanalytische mit historisch kontextuellen Ansätzen und versteht sich als Beitrag zur Reflexion des Widerstandsbegriffs im Kontext der Shoah. Sie zeigt, dass die medizinische Ausbildung im Ghetto Überlebensstrategie und unbewaffneter Widerstand gegen die nationalsozialistische Verfolgung zugleich war.
Studying human medicine in the Warsaw Ghetto: A case study of education as a form of resistance
The National Socialist occupiers in Po land outlawed and closed the country’s higher education institutions. Universities nonetheless continued their work underground, educating thousands of students and conducting scientific re search. Faculties from the University of Warsaw also independently organized themselves, spread their activities across the entire city and were able to success fully hide their research and teaching from the German occupiers. The Fac ulty of Medicine was active both inside and outside the Warsaw Ghetto. Drawing on postwar reports from the people involved as well as oral his tory interviews from the 1980s, the ar ticle examines the activities of the Fac ulty of Medicine in the Warsaw Ghetto to determine the extent to which re search, teaching and education can be understood as forms of intellectual, hu manitarian and practical resistance, even when the people involved do not use this term themselves. The investigation com bines conceptual analysis with histori cal-contextual approaches and aims to contribute to reflection on the concept of resistance in the context of the Shoah. It shows that medical education in the ghetto was both a survival strategy and a form of unarmed resistance against Na tional Socialist persecution.
Natalie Reinsch
Widerständiges Handeln deutscher und tschechischer Swing-Fans
In Deutschland und in der Tschechoslowakei bildete sich im Zuge der Jazz begeisterung ab Mitte der 1930er-Jahre eine jugendliche Subkultur heraus, die sich in losen Swing-Communities zusammenfand. Die jugendlichen Swing Fans orientierten sich in Mode und Habitus an ihren US-amerikanischen Vorbildern und grenzten sich damit deutlich von der Uniformierung der Hitler-Jugend ab. In der Forschung wird die »Swing-Jugend« zum Jugendwiderstand gezählt. Der Aufsatz stellt auf Grundlage der von Detlev Peukert entwickelten Formen abweichenden Verhaltens – von Nonkonformität über Verweigerung und Protest bis hin zu Widerstand – das Handeln der deutschen und tschechischen Swing-Fans dar. Das NS-Regime diffamierte und bekämpfte Jazzmusik und Swing-Tanz aufgrund seiner afroamerikanischen Wurzeln. In der NS-Propaganda vermischten sich dabei Rassismus gegen Schwarze mit Antisemitismus und der Vorwurf sexueller Zügellosigkeit. In Deutschland wurde Jazz im Rundfunk verboten. Auch im annektierten Protektorat Böhmen und Mähren versuchte das NS-Regime, Jazz und Swing zurückzudrängen. Es gab im Protektorat jedoch mehr Freiräume, insbesondere war die Besatzungsmacht toleranter gegenüber tschechischen Swing-Fans, den Potápky und Bedly. Während deutsche Swing-Jugendliche verfolgt und teils in Konzentrationslager eingewiesen wurden, tolerierte die Besatzungsmacht das Auftreten der Potápky. Deutsche Jugendliche sollten sich der »Volksgemeinschaft« unterordnen, tschechische Jugendliche sollten aus Sicht des NS-Regimes als Zwangsarbeiter:innen in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden.
Resistant actions by German and Czech swing fans
A youth subculture emerged in Germany and Czechoslovakia from the mid-1930s as part of the jazz craze. These music enthusiasts came together in loose swing communities. The young swing fans based their fashion and habi tus on American examples and, in doing so, clearly differentiated themselves from the uniformed Hitler youth. Research ers count the ›swing youth‹ as part of the youth resistance. The article looks at the actions of German and Czech swing fans through the lens of the forms of de viating behaviour described by Detlev Peukert – ranging from non-conform ity, through refusal and protest, to re sistance. The National Socialist regime vili fied and opposed jazz music and swing dance on account of their African-Amer ican roots. National Socialist propaganda mixed racism against Black people with antisemitism and accusations of sexual li centiousness. Jazz was banned on the ra dio in Germany. In the annexed Protec torate of Bohemia and Moravia, too, the National Socialist regime tried to sup press jazz and swing. There was more leeway in the Protectorate, however. In particular, the occupying force was more tolerant towards Czech swing fans, the Potápky and Bedly. While German swing youth were persecuted and some times sent to concentration camps, the occupying force tolerated the behaviour of the Potápky. German youths were supposed to integrate into the ›people’s community‹, while the National Social ists wanted Czech youths to serve as forced labourers in the armaments in dustry.
Alina Bothe
Unbeobachtete, heimliche und widerständige Fotografien der Deportationen aus dem Deutschen Reich 1940-1943
Mehr als 200 000 Menschen sind zwischen 1938 und 1945 aus dem Deutschen Reich verschleppt worden. Die Deportationen fanden »vor aller Augen« (Klaus Hesse) statt, mitten in Städten und Orten. Zahlreiche Deportationen sind fotografiert worden, überwiegend von Täter:innen. In seltenen Fällen entstanden auch Aufnahmen, die unbeobachtet, heimlich oder widerständig angefertigt wurden. Basierend auf dem im Projekt »LastSeen«. Bilder der NS Deportationen zusammengetragenen Korpus führt der Aufsatz in diese Fotografien ein und erörtert die Unterschiede zwischen unbeobachteten, heimlichen und widerständigen Fotografien.
Unobserved, secret and resistant photographs of the deportations from the German Reich 1940-1943
More than 200,000 people were deported from the German Reich between 1938 and 1945. The deportations took place ›in plain view‹ (Klaus Hesse), in the mid dle of cities and towns. Many deporta tions were photographed, mostly by the perpetrators. In rare cases, unobserved, secret and resistant photos were also taken. Based on the corpus assembled through the project ›LastSeen: Pictures of Nazi Deportations‹, the article introduces these photographs and explains the differences between unobserved, secret and resistant photographs.
Kolja Buchmeier
»Verbotener Umgang« als Widerstand? Nonkonformität und Denunziation in der Provinz Mark Brandenburg 1939-1945
Der Aufsatz untersucht Fälle von »verbotenem Umgang« zwischen deutschen Frauen und ausländischen Zwangsarbeitskräften in der Provinz Mark Brandenburg während des Zweiten Weltkrieges und erörtert, ob solche Beziehungen als Ausdruck nonkonformen Verhaltens verstanden werden können. Grundlage der Analyse sind Strafverfahrensakten aus der NS-Zeit sowie Verfahren aus der frühen Nachkriegs zeit nach dem Befehl Nr. 201 der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) vom 16. August 1947, die teilweise die selben Fälle aus entgegengesetzten Perspektiven – als Verfolgung durch den NS-Staat einerseits und als Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen andererseits – dokumentieren. Nach einer kritischen Einordnung der beiden Quellenbestände werden vier Fälle »verbotenen Umgangs« aus alltagsgeschichtlicher Perspektive näher betrachtet. Die deutsche Zivilbevölkerung hatte bei der Durchsetzung der rassistischen Umgangsverbote eine bedeutende Rolle, da Denunziationen aus dem privaten und beruflichen Umfeld der Verfolgten eine wichtige Voraussetzung für die polizeilichen Ermittlungen waren. Zugleich setzten sich Menschen aber bewusst über die strengen Kontaktverbote hinweg, sei es aus Pragmatismus, aus Mitgefühl, aus Zuneigung oder aus einem Aufbegehren gegen die rassistische Ordnung. Ebenso nutzten auch Zwangsarbeitende ihre begrenzten Handlungsspielräume, tauschten Waren, suchten menschliche Nähe bis hin zur gemeinsamen Flucht mit der deutschen Frau, zu der sie Kontakt gefunden hatten. Die analysierten Beispiele verdeutlichen zwar, dass »verbotener Umgang« kein organisierter Widerstand war, aber doch Momente von Menschlichkeit und Eigensinn in einem repressiven System offenbarte.
›Forbidden contact‹ as resistance? Non-conformity and denunciation in the province of Mark Brandenburg 1939-1945
The article examines cases of ›forbidden contact‹ between German women and foreign forced labourers in the province of Mark Brandenburg during the Sec ond World War and explores whether such relationships can be understood as an expression of non-conformist behav iour. The analysis is based on the files of criminal proceedings from the Na tional Socialist period as well as pro ceedings from the early post-war period under Order 201 of the Soviet Military Administration (SMAD) of 16 August 1947. Some of these sources document the same cases from opposing perspec tives – as persecution by the National Socialist state on the one hand, and as the punishment of National Socialist crimes on the other. After critically classifying both collections of sources, the article looks more closely at four cases of ›for bidden contact‹ from the perspective of the history of everyday life. The German civilian population played an important role in enforcing the racist bans on contact because denunciations by people in the victims’ personal and professional spheres were critical to police investigations. At the same time, some people deliberately defied the strict bans on contact, either out of pragma tism, compassion, affection or rebellion against the racist order. Forced labour ers also used the limited leeway availa ble to them, exchanged goods, sought human contact and sometimes fled with the German women with whom they were in contact. The examples analyzed here show that while ›forbidden contact‹ was not a form of organized resistance, it nonetheless revealed instances of hu manity and self-will in a repressive system.