23.03.2018

Wir trauern um Dagmar Lieblová

Dagmar Lieblová während eines Zeitzeugengespräches im Mai 2015. Fotograf: Mark Mühlhaus, attenzione photographers

Unsere Freundin Dr. Dagmar Lieblová ist tot. Sie starb am 22. März 2018 in Prag im Alter von 88 Jahren.

Wir schätzten Dagmar als kluge, warmherzige, tolerante und weltgewandte Gesprächspartnerin und große Stütze unserer Arbeit. Vor einigen Jahren veröffentlichte sie die Geschichte ihrer Familie und ihrer Verfolgung in dem kleinen Bändchen "Jemand hat sich verschrieben und so habe ich überlebt", das in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

1929 in Kutna Hora geboren, wuchs Dagmar mit ihrer jüngeren Schwester Rita in der tschechisch-jüdischen Familie Fantl auf, die nach dem "Anschluss" an das nationalsozialistische Deutschland Repressionen und Verfolgung ausgesetzt war. Über das Getto Theresienstadt wurde die Familie in das KZ Auschwitz deportiert, wo die Eltern und Rita ermordet wurden. Da in Dagmars Unterlagen fälschlicherweise das Geburtsjahr 1925 angegeben, sie also laut Papieren bereits über 16 war, wurde sie als einzige ihrer Familie als arbeitsfähig selektiert und zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. Das rettete ihr das Leben. Über die Neuengammer Außenlager Dessauer Ufer, Neugraben und Tiefstack kam sie ins KZ Bergen-Belsen, wo sie am 15. April 1945 befreit wurde. Sie ging zurück in die Tschechoslowakei und  brauchte Jahre, um gesund zu werden.

Sie studierte Germanistik, heiratete und gründete eine Familie. Ihre älteste Tochter nannte sie nach ihrer ermordeten Schwester Rita. Gemeinsam mit ihrem Mann Petr lebte Dagmar Lieblová in verschiedenen Ländern auf unterschiedlichen Kontinenten. Jeder der sie kannte, schwärmte von ihrer Weltoffenheit und Toleranz. In Prag arbeitete sie als Lehrerin zunächst an Schulen und dann an der Philosophischen Fakultät der Prager Universität. Sie gründete 1990 die Theresienstädter Initiative, deren Vorsitzende sie lange war und reiste bis zum Schluss unermüdlich durch Europa, um als Zeitzeugin aufzutreten.

Wann immer sie konnte, kam Dagmar Lieblová nach Hamburg, eingeladen von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme oder der Initiative Gedenken in Harburg (die sich u.a. um die Gedenkstätte am Ort des ehem. Außenlagers Neugraben kümmert. Sie nahm an Gedenkveranstaltungen teil, gab Zeitzeugengespräche und trat gemeinsam mit ihrer Tochter Rita 2010 auf der Konferenz "Überlebende und ihre Kinder im Gespräch" in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme auf. Stets war sie bereit, mit jungen Leuten zu sprechen und so gegen das Vergessen zu arbeiten.

Wir trauern gemeinsam mit Dagmars Familie. Wir haben eine Freundin verloren, deren Tod eine große Lücke reißt.