09.11.2022 Nachricht

Wir trauern um Aron Gross

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme trauert um Aron Gross, der in der Nacht zum 26. Oktober 2022 im Alter von 99 Jahren in München starb.

Aron Gross wurde 10. Mai 1923 als Sohn von Moses und Jetka Gross in Łódź geboren. Sein Vater besaß eine Textilfabrik. Nach dem frühen Tod seiner Eltern zog er zu einer Tante nach Zdunska Wolna, etwa ca 50 km von Łódź und beendete hier die Volksschule. Ein weiterer Schulbesuch blieb ihm durch dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen verwehrt. Aron Gross kam in ein Kinderhaus im Ghetto von Zdunska Wolna und wurde gemeinsam mit anderen Kindern auf die Übersiedlung nach Palästina vorbereitet.

Der größte Teil der Kinder wurde später in Chelmno ermordet. Im August 1942 wurde Aron mit ca. 50 Kindern des Kinderhauses ins Ghetto Litzmannstadt überstellt. Dort traf er seinen Bruder Leon wieder und beide konnten das Ghetto dank Arons Arbeit in der Suppenküche überleben. Mit der Liquidierung des Ghettos Litzmannstadt im August 1944 wurden die Brüder nach Auschwitz-Birkenau überstellt. Hier blieben sie dreieinhalb Monate, bis sie im November 1944 in das Außenlager Braunschweig (Büssing NAG) des KZ Neuengamme überstellt wurden, wo sie LKWs reparieren mussten. Aron Gross, Leon sowie ein Freund wurden hier von Zivilarbeitern mit Wäsche unterstützt und heimlich mit Essen versorgt. Von dort wurden die Brüder über die Neuengammer Außenlager Salzgitter und Watenstedt in das KZ Ravensbrück deportiert und am 2. Mai 1945 aus dem KZ Wöbbelin befreit.

Nach der Befreiung kehrte Aron zunächst nach Polen zurück und lernte in Schlesien seine Frau kennen, die er 1949 heiratete. Von dort gingen beide nach München und wanderten 1953 nach Venezuela aus. Hier bekamen sie eine Tochter. Die Familie emigrierte 1963 nach Deutschland.

Aron Gross sprach nie über seine Erlebnisse, um seine Familie zu schützen. Auch seine Frau wollte nicht, dass er sich diesen Erinnerungen aussetzte. Nach ihrem Tod besuchte er 2017 gemeinsam mit seinem Enkel Daniel zum ersten Mal die Gedenkveranstaltungen in den Gedenkstätten Wöbbelin und Neuengamme. Hier gab er uns in Anwesenheit seines Enkels Daniel ein lebensgeschichtliches Interview und berichtete erstmals über seine Verfolgungserfahrungen. Er sah es als seine Aufgabe an, die Erinnerung zu bewahren.

Wir erinnern uns mit großer Dankbarkeit an die Begegnung mit Aron Gross. Unsere Gedanken sind bei seiner Tochter, den Enkelkindern und Urenkelkindern.

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