22.09.2015 Archivmeldung

Identifizierung nach 70 Jahren

Letztes Foto von Walter Jungleib im Besitz der Familie Privatbesitz, 1942 (F 2015-344)
Die Geschwister Walter und Grete Jungleib Privatbesitz, 1939 (F 2015-351)
Biografiekoffer in der Gedenkstätte Bullenhuser Damm. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 2011

Walter Jungleib wurde mit 12 Jahren am Bullenhuser Damm ermordet.

Die Geschichte vom Mord an 20 jüdischen Kindern in der ehemaligen Schule Bullenhuser Damm in Hamburg-Rothenburgsort wird heute weltweit in vielen Holocaust-Museen und Büchern erzählt. Bislang waren die Lebensgeschichten von 18 Kindern bekannt – oder zumindest ihre Vor- und Nachnamen. 70 Jahre nach der Ermordung und dem Ende des 2. Weltkrieges konnte nun ein weiteres Kind identifiziert werden.

„Dass nach mehr als 70 Jahren von einem weiteren Kind die Geschichte erzählt werden kann, ist zugleich sehr ungewöhnlich und bewegend", sagt Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Über den Jungen W. Junglieb konnte über Jahrzehnte hinweg nicht mehr herausgefunden werden, als dass er 12 Jahre alt gewesen war und wahrscheinlich aus Jugoslawien stammte.

70 Jahre lang lebte die 85-jährige Grete Hamburg in dem Glauben, ihr Bruder Walter wäre als Kind bei einem Todesmarsch von Auschwitz ums Leben gekommen. Grete Hamburg überlebte als Jugendliche die Shoa und lebt heute nahe Tel Aviv. Keine 100 Kilometer entfernt lebt Bella Reichenbaum in Haifa, die seit Jahren zur Gedenkfeier am 20. April nach Hamburg reist. Eduard Reichenbaum, der Bruder ihres Mannes Yitzhak, wurde mit 10 Jahren am Bullenhuser Damm ermordet.

Nach der diesjährigen Gedenkfeier kehrte Bella Reichenbaum zurück nach Israel und machte sich auf die Suche nach dem bisher unbekannten Jungen W. Junglieb. Auf der Liste eines Häftlingstransportes von Auschwitz ins westfälische Lippstadt fand sie neben Namen eigener Angehöriger auch zwei Frauen mit dem Namen Jungleib. Über die Webseite der Gedenkstätte Yad Vashem konnte sie Kontakt zur Familie Jungleib herstellen. Sie erfuhr, dass der 12-jährige Walter Jungleib (so die richtige Schreibweise) aus Hlohovec in der Slowakei nach Auschwitz deportiert worden war. Die Identifizierung beruht auf der Übereinstimmung des Namens, des Alters und der Tatsache, dass der Name seiner Mutter wie der anderer Mütter der „20 Kinder" auf der Deportationsliste nach Lippstadt steht.

Grete Hamburg schrieb im Juli 2015 an die KZ-Gedenkstätte Neuengamme: „Ich war und bin so erschüttert und fassungslos, kann gar nicht meine Gefühle beschreiben. […] Mein Vater, meine Mutter, Walter und ich wurden im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert. Die Männer und Kinder wurden von uns getrennt. Walter hat seine Kappe vergessen und ist zurückgekommen um sie zu holen, danach war er der letzte in der Reihe, hat sich umgedreht, gewinkt und gelächelt und das war das letzte Mal, dass meine Mutter und ich Walter gesehen haben."

Grete Hamburg plant im nächsten Jahr am 20. April an der Gedenkfeier teilzunehmen.

Walter Jungleib ist eines von 20 Kindern im Alter von 5-12 Jahren, die von November 1944 bis April 1945 im Konzentrationslager Neuengamme für medizinische Experimente missbraucht wurden. Zur Vertuschung der Versuche wurden die 10 Mädchen und 10 Jungen kurz vor Kriegsende in die als KZ-Außenlager genutzte Schule am Bullenhuser Damm gebracht und im April 1945 in den dortigen Kellerräumen von der SS ermordet.

 

Hintergrund

Die Gedenkstätte Bullenhuser Damm existiert seit 1980. Gegründet wurde sie von dem Journalisten Günther Schwarberg, der das Verbrechen 1979 durch eine Artikelserie im Magazin STERN sowie mehreren Publikationen einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Durch aufwendige Recherche fand Schwarberg Angehörige der ermordeten Kinder und gründete die Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm. Die Vereinigung organisiert die jährliche Gedenkfeier am 20. April und hält den Kontakt zu den Angehörigen.

Seit 1999 ist die Gedenkstätte eine Außenstelle der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. 2011 wurde die Gedenkstätte umgebaut und eine neu konzipierte Ausstellung eröffnet. In Anbetracht der neuen Erkenntnisse wird die Ausstellung um Walters Biografie und Familienfotos ergänzt werden.