Nach 1990 gründeten sich, teils nach blutigen Bürgerkriegen, postsozialistische Staaten auf den Gebieten Jugoslawiens, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Im Zuge dessen veränderten sich die Gedenkkulturen grundlegend. Insbesondere seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ist die Gedenkstättenarbeit verstärkt herausgefordert, sich dazu zu positionieren. Umso wichtiger ist eine fundierte Auseinandersetzung mit erinnerungskulturellen Transformationen in diesen Ländern.
Ljiljana Radonić
Nationen und Erinnerungskulturen im postsozialistischen Raum Europas nach 1990. Nationalisierung, Geschichtsumdeutung und Opferkonkurrenz
Jeder Bezug auf die Vergangenheit dient identitätsstiftenden Zwecken der Gegenwart und ist daher in gewissem Sinne eine Instrumentalisierung von Geschichte. Doch während dieser Bezüge in demokratischen Kontexten nah am Stand der historischen Forschung bleiben und Grauzonen zulassen, dienen sie bei Erinnerungskriegerinnen und -kriegern fernab historischer Fakten als aggressive »Argumente« für (zuweilen tödliche) Tagespolitik, wie beim russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der Aufsatz geht der leitenden Frage nach, wie sich Geschichtserzählungen und Gedenkkulturen zu Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg im östlichen Europa nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten verändert haben. Dies wird anhand zeithistorischer Museen und Gedenkstätten nachgezeichnet – den »Flaggschiffen« nationaler Geschichtspolitik. Der Aufsatz beleuchtet folgende Transformationsphasen: die Liberalisierung und Betonung der nationalen Frage in den 1960er-Jahren, die Zunahme internationaler Bezüge in vielen sozialistischen Ländern einerseits und den nationalistischen Krieg um die Erinnerung in Ex-Jugoslawien in den späten 1980er-Jahren andererseits, die »Neuerfindung« von Geschichte nach 1989, die »Europäisierung der Erinnerung« und die EU-Beitrittsbemühungen in den frühen 2000er-Jahren, die »Osterweiterung« der Europäisierung der Erinnerung ab ca. 2008, der autoritäre Backlash in Ungarn (2010) und in Polen (2015), um schließlich auf die Nutzung von Geschichte als Waffe im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine (2014/2022) zurückzukommen.
Nations and memory cultures in the post-socialist space of Europe after 1990: Nationalisation, reinterpretation of history, and competitive victimhood
Every reference to the past serves identity-forming purposes in the present and is therefore an instrumentalisation of history in a certain respect. In democratic contexts, such references remain closely aligned with the latest historical research and allow for grey areas, but for mnemonic warriors far removed from historical facts, they serve as aggressive ›arguments‹ for (sometimes deadly) day-to-day politics, such as Russia’s war of aggression against Ukraine. The article addresses the guiding question of how historical narratives and memory cultures relating to National Socialism and the Second World War changed in Eastern Europe after the collapse of the socialist states. These changes are traced using contemporary historical museums and memorials – the ›flagships‹ of national politics of history. The article examines the following transformation phases: liberalisation and the emphasis on the national question in the 1960s, the increased international connections in many socialist countries on one hand and the nationalistic war for memory in former Yugoslavia in the late 1980s on the other, the ›reinvention‹ of history after 1989, the ›Europeanisation of memory‹ and the EU accession efforts of the early 2000s, the ›eastern enlargement‹ of the Europeanisation of memory from around 2008, the authoritarian backlash in Hungary (2010) and Poland (2015), and concludes with the use of history as a weapon in Russia’s war against Ukraine (2014/2022).
Katja Makhotina
Das neue Wohlbehagen am Nationalismus. Aktuelle Entwicklungen der Erinnerungskulturen in Osteuropa.
Der Aufsatz umreißt mit dem Schwerpunkt Estland, Lettland, Litauen, Russland und Belarus charakteristische aktuelle Entwicklungen der Erinnerungskulturen in Osteuropa hin zu einer zunehmenden Renationalisierung. Während die Globalisierung Identitätskrisen fördert, nutzen viele Staaten den Nationalismus und nationale Narrative, um diese Krisen zu bewältigen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Osteuropa oft als Bedingung für die Integration in die Europäische Union betrachtet. Die Staaten richteten Museen und Gedenkstätten ein, allerdings häufig unter äußerem Druck und mit finanzieller Unterstützung des Westens. Diese »Politik der Reue« betonte die moralische Verantwortung für Holocaustopfer und unterstützte den Aufbau einer gemeinsamen europäischen Erinnerung. Doch wird in den osteuropäischen EU- Staaten zunehmend die Gleichsetzung von NS-Verbrechen mit sowjetischen Verbrechen mit dem Argument gefordert und die Besatzung unter der Sowjetunion als ebenso verbrecherisch wie unter dem Nationalsozialismus dargestellt. Hierbei wird zunehmend das Narrativ der nationalen Selbstviktimisierung benutzt. Sie basiert auf der Konstruktion monoethnischer Opfergemeinschaften, wobei der Begriff des Genozids eine neue Konjunktur hat. Diese Renationalisierung der Erinnerung an die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts stiftet neue ideologische Konflikte, die gegenwärtigen »memory wars« verschärfen die realen politischen Spannungen. Die betroffenen Erinnerungskulturen entfernen sich dabei immer weiter vom Ideal einer gemeinsamen europäischen Erinnerung.
The new comfort with nationalism Current developments in memory cultures in Eastern Europe
Focusing on Estonia, Latvia, Lithuania, Russia, and Belarus, the article outlines current developments characteristic of the memory cultures in Eastern Europe, which are tending towards renationalisation. As globalisation provokes identity crises, many states are using nationalism and national narratives to overcome these crises. After the collapse of the Soviet Union, confronting the Holocaust in Eastern Europe was often viewed as a condition for integration into the European Union. States established museums and memorials, but they frequently did so under external pressure and with financial support from the West. This ›politics of regret‹ emphasised the moral responsibility for Holocaust victims and supported the construction of a shared European memory. But in the Eastern European EU states, this argument is increasingly being used to equate National Socialist crimes with Soviet crimes, and occupation under the Soviet Union is portrayed as being just as criminal as occupation under National Socialism. The narrative of national selfvictimisation is being used ever more frequently here. It is based on the construction of mono-ethnic victim communities, and the concept of genocide is booming again. This renationalisation of the memory of the experience of violence in the twentieth century is stoking new ideological conflicts, and the current ›memory wars‹ are exacerbating real political tensions. In the course of this, the memory cultures in question are moving ever further from the ideal of a shared European memory
Iryna Kashtalian
Die Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkrieges im heutigen Belarus
Der Aufsatz untersucht den Umgang mit dem Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges in Belarus. Belarus war einer der im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstörten Staaten mit einer hohen Zahl an Opfern, die allerdings nicht nur als „sowjetisch“ betrachtet werden können, da es z. B. auch Ort der Ermordung von aus Mitteleuropa deportierten Jüdinnen und Juden war. Mit dem Ableben der Zeitzeug:innen geht die Erinnerung an diese Ereignisse in den Bereich der offiziellen Erinnerungskultur über, die sich seit dem Amtsantritt von Aljaksandr Lukaschenka 1994 auf einen sowjetisch geprägten Patriotismus konzentriert. Der Staat distanziert sich zunehmend von „unbequemen“ Inhalten und Formen der Erinnerung an den Krieg. Trotzdem konnten mithilfe von Nichtregierungsorganisationen und internationaler Zusammenarbeit Projekte zur kritischen Reflexion des Zweiten Weltkrieges und seiner Opfer realisiert werden. Die anhaltende Repression gegen Protestierende nach 2020 und die Unterstützung des Regimes für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 gehen jedoch mit einer Instrumentalisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg einher. Das Gedenken wird seither von staatlichen Akteur:innen bestimmt; Russland und die orthodoxe Kirche haben großen Einfluss. Ein zentrales Narrativ ist dabei der „Genozid am belarussischen Volk“. Die Staatsanwaltschaft erhielt das Recht, zu entscheiden, wie das Thema dargestellt werden darf und wer wegen Verstößen zu verfolgen ist. Die Tendenz zur Einseitigkeit und zur Ausgrenzung von Aspekten, die nicht mit dem offiziellen Narrativ übereinstimmen, spiegelt sich in den Erinnerungsorten in Chatyn, Maly Traszjanez und Masjukouschtschyna. Ein multiperspektivischer Dialog zeichnet sich nicht ab, sodass Belarus mit seinem schweren Kriegstrauma in der europäischen Erinnerungskultur wenig präsent ist.
The memory of the victims of the Second World War in present day Belarus
The article examines the approach to commemorating the victims of the Second World War in Belarus. Belarus was one of the most heavily damaged states in the war, with a large number of victims. However, these victims cannot be viewed only as “Soviet”, as Belarus was also the site where many Jews deported from Central Europe were murdered. As the last eyewitnesses die, the memory of these events passes into official memory culture. Since Alaksandr Lukashenka took office in 1994, this culture has focused on Soviet-influenced patriotism, with the state distancing itself from “uncomfortable” content and forms of remembrance. Nevertheless, projects critically reflecting on the Second World War and its victims were realised with the help of NGOs and international partnerships. The ongoing repression after 2020 and the regime’s support for Russia’s war of aggression against Ukraine in 2022 have been accompanied by an instrumentalisation of the memory of the Second World War. Memory has since been shaped by state actors, with Russia and the Orthodox Church exerting strong influence. A central aspect of this instrumentalisation is the narrative of the “genocide of the Belarusian people”. The public prosecutor’s office was given the authority to decide how the issue may be portrayed and who should be prosecuted. The tendency towards one-sidedness and the exclusion of perspectives not fitting the official narrative is reflected in the memorial sites in Khatyn, Maly Trascjanets, and Masjukouvchyna. A multi-perspectival dialogue is lacking, meaning that Belarus and its severe war trauma have little presence in European memory culture.
Ihor Dvorkin
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine
In der Ukraine stellt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ein umkämpftes Feld dar, das eng mit nationaler Identität, regionalen Unterschieden und geopolitischen Verbindungen verknüpft ist. Während der sowjetischen Zeit dominierte das Bild des „Großen Vaterländischen Krieges“, das den Kampf gegen den Nationalsozialismus als gemeinsamen Sieg der Sowjetvölker darstellte und zugleich die Kollaboration sowie die spezifische Erfahrung der Ukraine im Krieg marginalisierte. Nach der Unabhängigkeit 1991 begann die Ukraine, eine eigene Erinnerungskultur zu entwickeln. Dabei prallten unterschiedliche Narrative aufeinander: Einerseits das sowjetisch geprägte, andererseits nationale Deutungen, die die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung, insbesondere die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), betonen. Die Annexion der Krim 2014 und der Krieg im Donbas verstärkten die Tendenz, an westlich orientierte Narrative anzuschließen und sich von sowjetischen Symbolen und Gedenkpraktiken zu distanzieren. Der 9. Mai als „Tag des Sieges“ verlor an Bedeutung, während der 8. Mai als europäischer Gedenktag an den Zweiten Weltkrieg zunehmend an Relevanz gewann. Seit dem Angriff Russlands 2022 hat die Erinnerungspolitik eine neue Dimension erhalten. Russland instrumentalisiert den „Sieg über den Faschismus“, um seinen Krieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen, während die Ukraine ihre eigene Erinnerungskultur nutzt, um sich klar von Russland abzugrenzen und ihre europäische Orientierung zu unterstreichen. So ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine nicht nur ein Blick zurück in die Vergangenheit, sondern ein Spiegel der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.
The memory of the Second World War in Contemporary Ukraine
In Ukraine, the memory of the Second World War is a contested field closely connected with national identity, regional differences, and geopolitical orientations. During the Soviet era, the dominant narrative was that of the “Great Patriotic War”, which portrayed the struggle against National Socialism as a joint victory of the Soviet peoples while marginalising collaboration and Ukraine’s specific wartime experiences. After independence in 1991, Ukraine began to develop its own memory culture. Different narratives clashed: on the one hand, the Soviet-influenced version; on the other, national interpretations emphasising the Ukrainian independence movement, particularly the Organisation of Ukrainian Nationalists (OUN) and the Ukrainian Insurgent Army (UPA). The annexation of Crimea in 2014 and the war in Donbas reinforced a tendency to embrace more Western-oriented narratives and to distance the country from Soviet symbols and commemorative practices. May 9 as “Victory Day” lost importance, while May 8 as the European day of remembrance of the Second World War gained relevance. Since Russia’s full-scale invasion in 2022, memory politics have taken on a new dimension. Russia instrumentalises the “victory over fascism” to justify its war against Ukraine, while Ukraine uses its own memory culture to distance itself clearly from Russia and to underline its European orientation. Thus, memory of the Second World War in Ukraine is not merely a reflection on the past but also a mirror of current political and societal conflicts.
Gal Kirn
Nationalisation of memory in late Yugoslavia and Slovenia: Demonisation of antifascism and national reconciliation
The article deals with the negative sides of the transformation and destruction of socialist, federal, and antifascist Yugoslavia. In the field of ideology and memory, the author argues that the concept of “the primitive accumulation of national memory” could be useful for understanding how political and economic changes were fuelled and intensified by “mnemonic wars” in the late 1980s. What had previously been regarded in public memory and historical discourse as the antifascist consensus of the former state became disputed by nationalist revisionism. This revisionism manifested either as national reconciliation (reconciling fascists with antifascists within the respective nation) or as the open rehabilitation of local fascist collaborationism. The dominant revisionism was characterised by an openly negative attitude towards the Yugoslav, socialist, and Partisan past. It was organised around performative commemorative actions from below in the early 1990s, including the iconoclastic destruction of Partisan and socialist monuments, the renaming of streets, and the destruction of books. The primary case study in this article entails an analysis of a seemingly humanist discourse on public memory in the Slovenian context: national reconciliation. By the late 1980s, this had already become a major national memorialisation project aimed at healing the nation. The departure from appeasing passions and antagonisms over the past turned into a battle cry and a vital part of the mnemonic wars. The article analyses a monument in the centre of Ljubljana that commemorates the victims of all wars, which highlights the problematic ideological operation of equating fascists with antifascists in the name of the reconciled nation, Slovenia. The nationalisation of memory in the post-Yugoslav context is thus both a response to public memory and a framework for ethnic cleansing and ethnic wars.
Die Nationalisierung der Erinnerung im späten Jugoslawien und in Slowenien. Dämonisierung des Antifaschismus und nationale Versöhnung
Der Aufsatz befasst sich mit den negativen Seiten der Transformation und Zerstörung des sozialistischen, föderalen und antifaschistischen Jugoslawiens. Bezogen auf Ideologie und Erinnerung wird argumentiert, dass das Konzept der „ursprünglichen Akkumulation des nationalen Gedächtnisses“ nützlich sein kann, um zu verstehen, wie die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen durch „mnemonische Kriege“ in den späten 1980er-Jahren angeheizt und intensiviert wurden. Was früher in der öffentlichen Erinnerung und im Geschichtsdiskurs – als antifaschistischer Konsens des ehemaligen Staates galt, wurde durch den nationalistischen Revisionismus infrage gestellt. Dieser manifestierte sich entweder als nationale Versöhnung (die Versöhnung von Faschist:innen mit Antifaschist:innen in der jeweiligen Nation) oder als offene Rehabilitierung der lokalen faschistischen Kollaboration. Der vorherrschende Revisionismus zeichnete sich durch eine offen negative Haltung gegenüber der Vergangenheit Jugoslawiens, dem Sozialismus und den Partisan:innen aus. Er organisierte sich in den frühen 1990er-Jahren um performative Gedenkaktionen von unten – von der ikonoklastischen Zerstörung von Denkmälern des Sozialismus und der Partisan:innen bis hin zur Umbenennung von Straßen und zur Vernichtung von Büchern. Den zentralen Teil des Aufsatzes bildet die Analyse des scheinbar humanistischen Konzepts der öffentlichen Erinnerung, der nationalen Versöhnung, im slowenischen Kontext. Sie war Ende der 1980er-Jahre bereits zu einem großen nationalen Erinnerungsprojekt geworden, das auf eine Heilung der Nation abzielte. Die Abkehr vom Ausgleich der auf die Vergangenheit bezogenen Leidenschaften und Antagonismen wurde zu einem Schlachtruf, zu einem wesentlichen Teil der mnemonischen Kriege.
Der Aufsatz analysiert ein Denkmal im Zentrum von Ljubljana, das an die Opfer aller Kriege erinnert und die problematische ideologische Grundierung bei der Gleichsetzung von Faschist:innen und Antifaschist:innen im Namen der versöhnten Nation offenbart. Die Nationalisierung der Erinnerung im postjugoslawischen Kontext ist eine Antwort auf die öffentliche Erinnerung und bietet einen Rahmen für ethnische Säuberungen und Kriege.
Eva Hasel
Geschichte zwischen den Fronten. Erinnerung als politisches Instrument an KZ-Gedenkstätten in Kroatien und Serbien
Gedenkorte prägen das kollektive Gedächtnis mit und dienen im Kontext der Erinnerungspolitik als Instrumente der Nationen- und Identitätsbildung. Besonders deutlich wird dies in den postjugoslawischen Staaten Kroatien und Serbien, in denen die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg mit dem Zerfall Jugoslawiens neu interpretiert wurde und bis heute für die aktuelle politische Agenda genutzt wird. Am Beispiel der KZ-Gedenkstätten Staro Sajmište und Jasenovac wird aufgezeigt, wie die Erinnerung an den während des Zweiten Weltkrieges verübten Holocaust und an den Genozid an Serben und Serbinnen politisiert wird. Während in Kroatien die Opferzahlen des faschistischen Ustaša-Regimes des damaligen „Unabhängigen Staates Kroatien“ heruntergespielt und die Verantwortung für den Holocaust und die genozidale Gewalt gegen Serben und Serbinnen relativiert wird, nutzt Serbien die Geschichte von Jasenovac, um die serbische Aggression während des Kroatienkrieges 1991 bis 1995 zu legitimieren und instrumentalisiert die Holocausterinnerung für eine Schuldabwehr in Bezug auf die Mittäterschaft serbischer Nationalisten. Auch der Begriff „Genozid“ wird in beiden Staaten strategisch genutzt – zur Konstruktion von Opferhierarchien und zur Abwehr eigener Verantwortung.
In diesem Spannungsfeld werden Gedenkstätten zu Schauplätzen anhaltender erinnerungspolitischer Konflikte, in denen sich revisionistische Geschichtsschreibung und nationale Identitätsbildung wechselseitig durchdringen.
History between the fronts: Memory as a political tool at concentration camp memorials in Croatia and Serbia
Memorial sites help shape collective memory and serve as nation-building and identity-formation tools in the context of memory politics. This is especially apparent in the post-Yugoslav states of Croatia and Serbia, where the memory of the Second World War was re-interpreted after the collapse of Yugoslavia and continues to be used to this day for the current political agenda. Looking at the examples of the Staro Sajmište and Jasenovac concentration camp memorials, the article shows how the memory of the Holocaust during the Second World War and the genocide of Serbs is being politicised. While in Croatia, the numbers of victims of the fascist Ustaša regime in what was then the “Independent State of Croatia” are downplayed and responsibility for the Holocaust and the genocidal violence against Serbs is relativised, Serbia uses the history of Jasenovac to legitimise Serb aggression during the Croatian War of Independence from 1991 to 1995. It also instrumentalises Holocaust remembrance to deflect guilt relating to the complicity of Serb nationalists. Even the term “genocide” is used strategically in both states – to construct victim hierarchies and to reject responsibility.In this field of tension, memorials have become sites of ongoing conflicts around the politics of memory, in which revisionist historiography and national identity-formation pervade one another.
Stephan Lehnstaedt
Die Umbrüche in der polnischen Gedenk(stätten)kultur nach 1990 und ihre Auswirkungen auf Deutschland
Nach dem Ende der sozialistischen Herrschaft kam es in Polen zu einem nachholenden Gedenken. Der zuvor tabuisierte deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag, der Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen am 17. September 1939 oder die Ermordung Angehöriger der polnischen Eliten in Katyn durch sowjetische Einheiten konnten nun thematisiert werden. Zugleich wurden Held:innen jenseits der kommunistischen Widerstandsbewegung in den Vordergrund gestellt. Es entstanden Museen, die neue Orientierung versprachen. Zu Beginn der 2000er-Jahre setzten allerdings auch Debatten über andere Leerstellen ein, etwa über die Beteiligung von Pol:innen an der Ermordung der Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Dagegen richteten sich nationalistische Bestrebungen, die die selbstkritische Betrachtung zu unterbinden versuchten und einerseits heroisierende Narrative und andererseits eine vorgeblich ewige Bedrohung Polens durch die Sowjetunion bzw. Russland betonten. In vielerlei Hinsicht forderten diese geschichtspolitischen Auseinandersetzungen deutsche Reaktionen heraus, wenn sie beispielsweise Wissensdefizite zu nicht-jüdischen Opfern offenlegten oder in Reparationsforderungen mündeten. Das geplante Deutsch-Polnische Haus in Verbindung mit einem Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg ermordeten Pol:innen ist das sichtbarste Zeichen einer neuen Wahrnehmung in der Bundesrepublik.
The upheavals in Polish memory/memorial culture after 1990 and their effects on Germany
After the end of socialist rule, belated commemoration began in Poland. Topics that had previously been taboo, such as the German-Soviet non-aggression pact, the Red Army’s invasion of eastern Poland on 17 September 1939, or the murder of members of the Polish elite in Katyn by Soviet units, could now be addressed. At the same time, heroes beyond those in the communist resistance movement were foregrounded, and museums were established which promised a new orientation for memory culture. At the start of the 2000s, however, debates also emerged about other gaps in memory, such as Polish involvement in the murder of Jews by National Socialist Germany. These debates were opposed by nationalist efforts which tried to prevent such self-critical views, and which instead emphasised heroising narratives and the allegedly eternal threat Poland has faced from the Soviet Union and Russia. In many respects, these conflicts about the politics of history demanded a German response, such as when they revealed knowledge deficits about non-Jewish victims or resulted in claims for reparations. The planned German-Polish House in combination with a monument for Poles murdered in the Second World War is the most visible sign of a new awareness in Germany.
Stefanie Endlich
Memorialkultur und Geschichtsdeutungen in KZ-Gedenkstätten. Zum Umgang mit nationalen Zuschreibungen in Gedenkzeichen am Beispiel sowjetischer Häftlinge
Die internationalen Mahnmale haben das visuelle Bild der Gedenkstätten meist stärker geprägt als andere Kunstwerke auf den Geländen der ehemaligen Konzentrationslager in Deutschland und Österreich. Im vorliegenden Aufsatz geht es um den Umgang mit dem Thema nationale Zugehörigkeiten in der Memorialkunst der acht großen KZ-Gedenkstätten von deren Anfängen bis zur Gegenwart. Es wird auch danach gefragt, welche Denkmäler und Gedenkzeichen für die Häftlingsgruppe aus der Sowjetunion entstanden sind und wie sich die Formen des Erinnerns und Gedenkens an diese Häftlingsgruppe durch den Zerfall der Sowjetunion, das Entstehen unabhängiger postsowjetischer Staaten und den Angriff Russlands auf die Ukraine verändert haben. Ebenfalls angesprochen werden die Herausforderungen, die sich dabei für die KZ-Gedenkstätten ergeben, etwa die Zeitgebundenheit von Nationennamen, der Charakter der Anlagen als unter Denkmalschutz gestellte Zeitdokumente sowie die immer wieder neu entstehenden Konkurrenzen zwischen Vertretungen von Ländern und Gruppen.
Memorial culture and interpretations of history at concentration camp
memorials Soviet prisoners as an example of dealing with national attributions in memorial signs International monuments have generally shaped the visual image of memorials more heavily than other artworks on the grounds of former concentration camps in Germany and Austria. The article examines the approach to the issue of national affiliations in the memorial art of the eight major concentration camp memorials from their inception to the present day. It also looks at which monuments and memorial signs were created for the group of prisoners from the Soviet Union and how the forms of remembering and commemorating this group have changed with the collapse of the Soviet Union, the emergence of independent post-Soviet states, and Russia’s invasion of Ukraine.
The article additionally addresses the challenges this poses for concentration camp memorials, including the changing of state names over time, the character of the sites as historic documents placed under preservation orders, and the repeated emergence of competition between representatives of countries and groups.
Alexandra Köhring und Oliver von Wrochem
Denkmalkritik im Zeichen zeitgenössischer Geschichtspolitik. Zur Erweiterung des internationalen Mahnmals in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Der Aufsatz stellt die im Mai 2025 erfolgte Erweiterung des 1965 errichteten internationalen Mahnmals in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme um ein neues Ländergedenkzeichen dar. Die Autor:innen blicken zunächst auf die Entstehung des internationalen Mahnmals und diskutieren dann seine Umgestaltung im Kontext einer gegenwartsbezogenen Gedenkstättenarbeit, die der veränderten Staatenbildung nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten Rechnung trägt und Opfergruppen, die sich nicht in der Gedenkanlage repräsentiert sehen, sichtbar macht. Im Fokus stehen dabei die Fragen eines adäquaten multinationalen Gedenkens im gegenwärtigen Spannungsfeld gespaltener postsozialistischer Gedenkkulturen und postsowjetischer Denkmalkritik sowie einer Integration postsozialistischer und postkolonialer Perspektiven in die Erinnerung an die NS-Verbrechen.
Memorial critique influenced by the contemporary politics of history:
The expansion of the international monument at the Neuengamme Concentration Camp Memorial. The article outlines the expansion in May 2025 of the international monument at the Neuengamme Concentration Camp Memorial to include a new country memorial plaque. The authors first look at the creation of the international monument in 1965 and discuss its redesign in the context of memorial work relevant to the present day, which takes into account the changed landscape of states after the collapse of the socialist states and gives visibility to groups of victims who do not see themselves represented at the monument. The focus is on questions of adequate multinational commemoration in the current field of tension around fractured post-socialist memory cultures and post-Soviet memorial critique, and the integration of post-socialist and post-colonial perspectives in the remembrance of National Socialist crimes.
Jörg Morré
Die Überwindung des Sowjetischen. Erfahrungen des Museums Berlin-Karlshorst
Das Museum Berlin-Karlshorst ging aus einem sowjetischen Militärmuseum am historischen Ort der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 hervor. Nach der deutschen Einheit und dem vollständigen Abzug russischer Truppen aus Deutschland vereinbarte die Bundesregierung 1994 mit der Russischen Föderation ein gemeinsam getragenes »Deutsch-Russisches« Museum, dem sich wenig später die Weltkriegsmuseen in Minsk (Belarus) und Kiew (Ukraine) anschlossen. Gemeinsam erinnerten die beteiligten Länder und Museen an die Geschichte des deutsch-sowjetischen Krieges von 1941 bis 1945. Dieser Konsens wurde 2014 durch die russische Annexion der ukrainischen Krim stark belastet und zerbrach nach dem vollumfänglichen Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022, zumal die russische Regierung ihren Angriff mit Rückgriff auf sowjetische Erinnerungsnarrative aus dem Zweiten Weltkrieg legitimierte. Seitdem sucht das Museum nach Wegen, der von Russland über die Jahre immer stärker betriebenen Instrumentalisierung von Geschichte für seine imperialen Ziele entgegenzutreten. Dabei sieht es sich nach wie vor in der historischen Verantwortung, die Verbrechen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und an seine Opfer zu erinnern.
Overcoming the Soviet legacy: The experiences of the Museum Berlin-Karlshorst
The Museum Berlin-Karlshorst emerged from a Soviet military museum built on the historical site of the Wehrmacht’s surrender on 8 May 1945. After German reunification and the withdrawal of all Russian troops from Germany, the German federal government reached an agreement with the Russian Federation in 1994 to establish a joint ›German-Russian‹ Museum. This was followed a short time later by the Second World War museums in Minsk (Belarus) and Kyiv (Ukraine). The participating countries and museums jointly commemorated the history of the German-Soviet war of 1941 to 1945. This consensus was severely strained in 2014 by Russia’s annexation of Crimea in Ukraine, and it collapsed after Russia’s full-scale invasion of Ukraine on 24 February 2022, not least because the Russian government sought to justify its attack by referencing Soviet remembrance narratives of the Second World War. Since then, the museum has sought ways to counter Russia’s intensifying instrumentalization of history for its imperial goals. At the same time, the museum continues to acknowledge its historical responsibility to not let the crimes of Germany’s war of annihilation against the Soviet Union be forgotten, and to remember its victims.
Dieter Pohl
Forschungsperspektiven zur deutschen Besatzung vor dem Hintergrund der Umbrüche im östlichen Europa
Eines der zentralen Themen der europäischen Gewaltgeschichte bleibt die nationalsozialistisch-deutsche Besatzung im östlichen Europa. Länderspezifisch und thematisch hat sich ihre Erforschung in den vergangenen acht Jahrzehnten stark ausdifferenziert. Im vorliegenden Aufsatz wird diese Entwicklung vor dem Hintergrund der Umbrüche im östlichen Europa skizziert. Mit Polen, der Sowjetunion, den baltischen Staaten, Rumänien, Ungarn und Jugoslawien liegt der Schwerpunkt auf jenen Ländern, die zu zentralen Schauplätzen von Massengewalt wurden. Es werden Forschungsergebnisse vorgestellt und es wird nach Defiziten gefragt: Welche Gruppen von Verfolgten sind bisher in den Blick genommen worden und welche nicht? Was bedeuten die vorliegenden Ergebnisse für einen zukünftigen konzeptionellen Forschungsrahmen jenseits von Kollaboration und Widerstand, der die Besatzungsgesellschaften in den Blick nimmt?
Research perspectives on the German occupation against the backdrop of the upheavals in Eastern Europe
National Socialist Germany’s occupation of Eastern Europe remains a central topic in the history of violence in Europe. Research into this topic has developed in a highly differentiated way, both from country to country and thematically, over the past eight decades. The article outlines this development against the backdrop of the upheavals in Eastern Europe. The focus is on Poland, the Soviet Union, the Baltic states, Romania, Hungary, and Yugoslavia – the countries that became central sites of mass violence. Research findings are presented and deficits are questioned: Which groups of victims have been studied thus far and which have not? What do the existing findings mean for a future conceptual research framework beyond collaboration and resistance, which takes the occupation societies into account?