Salzgitter-Drütte

Aufnahme des ehemaligen Außenlagers Salzgitter Drütte Foto: TNA, WO 235/292, 1946 (ANg 1993-0083)
Eine Aufnahme des ehemaligen Außenlagers Salzgitter Drütte. Foto: TNA, WO 235/292, 1946 (ANg 1993-0083)

Für die Granatenproduktion der Hütte Braunschweig richteten die Reichswerke „Hermann Göring“ im Herbst 1942 ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme auf dem Werksgelände in Salzgitter ein, das unter dem Namen „Drütte“ geführt wurde. Ein Vorauskommando von 250 Häftlingen erreichte das Lager am 13. Oktober 1942. Im Zuge des Ausbaus der Granatenproduktion stieg die Zahl der KZ-Häftlinge bis Mitte 1944 auf über 2700 Männer an. Nach einer Vereinbarung der Firmenleitung mit der SS sollten bis zu 3150 Gefangene nach Drütte überstellt werden. Damit war Drütte das größte Außenlager des KZ Neuengamme.

Die Häftlinge, die in Lagerräumen unter einer Hochstraße untergebracht wurden, waren im Stahlwerk und bei der Produktion von Geschoss- und Granathülsen eingesetzt. Die größte Gruppe musste in der Abteilung „Aktion 88“ arbeiten, in der 8,8 cm-Granaten geschmiedet wurden. In diesem hochmodernen Betriebsteil wurden fast ausschließlich KZ-Häftlinge eingesetzt. Daneben waren etwa 500 Männer beim Ausbau der so genannten Halle X beschäftigt. Für die Häftlinge bedeutete der Einsatz in Drütte sehr schwere körperliche Arbeit. In der Produktion wurde rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet. Die große Zahl der Exekutionen, die im überlieferten Totenbuch vermerkt sind, verweist auf die Komplexität der Arbeit, bei der zwangsläufig auftretende Fehler als Sabotage der Häftlinge ausgelegt wurden, für die diese exekutiert wurden. Außerdem kam es in Drütte zu Erschießungen, die zur Tarnung als „Fluchtversuche“ registriert wurden.

Am 7. April 1945 wurde das Außenlager Drütte geräumt. Die Häftlinge wurden gemeinsam mit den Frauen aus dem Außenlager Salzgitter-Bad per Bahn in Richtung Norden abtransportiert. Im Güterbahnhof Celle wurde der Zug mit 3400 Häftlingen am Abend des 8. April 1945 bei einem US-amerikanischen Bombenangriff getroffen. Wegen der Explosion eines benachbarten Munitionszuges und weil die Häftlinge die Waggons, in denen sie eingesperrt waren, nicht verlassen durften, kamen bei dem Angriff mehrere Hundert Häftlinge ums Leben. Diejenigen, die sich aus den Waggons befreien konnten, wurden von der SS und der Polizei, von Angehörigen der Wehrmacht, des Volkssturms, der örtlichen Hitlerjugend und teilweise auch von Celler Bürgern gejagt. 200 bis 300 Häftlinge wurden dabei erschossen oder erschlagen. Die Mehrzahl der Überlebenden des Bombenangriffs wurde ab dem Mittag des 9. April zu Fuß nach Bergen-Belsen getrieben. 300 verletzte, nicht „marschfähige“ Häftlinge wurden weitgehend unversorgt in Baracken der Celler Heidekaserne untergebracht, wo die Überlebenden am 12. April von britischen Truppen befreit wurden.

Lagerführer war zunächst SS Hauptsturmführer Rautenberg, dann SS Hauptsturmführer Hermann Forster, anschließend SS Obersturmführer Arnold Strippel und etwa ab Februar 1945 SS Obersturmführer Karl Wiedemann. Strippels Stellvertreter SS-Scharführer Peter Wiehage war auch für das Außenlager Watenstedt/Leinde zuständig.

Zeitraum

18. Oktober 1942 bis 7. April 1945

Anzahl der Häftlinge

3000 Männliche Gefangene

Art der Arbeit

Granatenproduktion

Auftraggeber

Reichswerke „Hermann Göring“

Ort

Wegbeschreibung

Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte auf dem Werksgelände der Salzgitter AG, Eingang Tor I, Salzgitter-Watenstedt, Eisenhüttenstraße 99, 38239 Salzgitter.

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Vom Bahnhof Braunschweig: Bus 603 oder 631 in Richtung Salzgitter-Bad bis Watenstedt Tor 1. Vom Bahnhof Salzgitter-Bad: Bus 603 oder 631 in Richtung Braunschweig.

Gedenkstätte

Seit Anfang der 1980er-Jahre setzten sich der „Arbeitskreis Stadtgeschichte“, die Amicale Internationale de Neuengamme und das „Komitee Dokumentationsstätte Drütte“, ein Zusammenschluss aus Arbeitskreis, Vertreterinnen und Vertretern von Parteien und Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden, beharrlich dafür ein, die auf dem Werksgelände erhalten gebliebenen Häftlingsunterkünfte für Dokumentationszwecke zu nutzen. 1985 konnte dort zunächst eine Gedenktafel angebracht werden. Die Initiative ging vom Betriebsrat der Peine-Salzgitter AG aus. Doch für die Öffentlichkeit blieb die Tafel unzugänglich.

Trotz der Unterstützung vieler gesellschaftlicher Gruppen scheiterten die Gedenkstättenpläne mehrere Jahre am Widerstand der Konzernleitung. Erst 1992, nach dem Verkauf der im Bundeseigentum befindlichen Stahlwerke an die Preussag AG, stimmte der neue Konzernvorstand dem Projekt zu und stellte einen Raum der unter der Hochstraße gelegenen ehemaligen Häftlingsunterkünfte zur Errichtung einer Gedenkstätte zur Verfügung. Im April 1994 konnte der Arbeitskreis Stadtgeschichte die Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte auf dem Werksgelände eröffnen. Seitdem ist auch der öffentliche Zugang gewährleistet.

Öffnungszeiten: Jeden 2. Samstag im Monat von 15 Uhr bis 17 Uhr und nach Anmeldung.

Kontakt

Arbeitskreis Stadtgeschichte e. V./ Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte
Elke Zacharias
Wehrstraße 29
38226 Salzgitter

Tel.: +49 (0) 5341 – 4 45 81
Email: info@gedenkstaette-salzgitter.de
Homepage: www.gedenkstaette-salzgitter.de