13.03.2017 Bericht

Bericht zur Rathausausstellung 2017

Feierliche Ausstellungseröffnung im Kaisersaal des Hamburger Rathauses am 19. Januar 2017 Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2017
Die Sonderausstellung wurde im Foyer des Hamburger Rathauses gezeigt. Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2017
Reimer Möller und Alyn Beßmann im Gespräch mit Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit bei der Eröffnung der Ausstellung KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2017
Blick in die Ausstellung KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2017
Dr. Reimer Möller und Herbert Diercks sprachen in der Gedenkstätte Fuhlsbüttel über „Unterlassene medizinische Versorgung von KZ- und Polizeihäftlingen“ Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (ÖA), 2017
Wissenschaftliche Tagung im Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (SZ), 2017

Die juristische Ahndung der NS-Verbrechen zählte zu den ersten Forderungen der Überlebenden des NS-Terrors. Anlässlich des „Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ am 27. Januar 2017 hat die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit Unterstützung der Hamburgischen Bürgerschaft erstmals das gesamte Spektrum der britischen Strafverfolgung von NS-Kriegsverbrechen in einer Sonderausstellung in den Blick genommen. Die Ausstellung „Die Hamburger Curiohaus-Prozesse. NS-Kriegsverbrechen vor britischen Militärgerichten“ wurde vom 19. Januar bis 12. Februar 2017 im Hamburger Rathaus gezeigt.

Das Curiohaus in Hamburg war für die britische Zone der wichtigste Gerichtsort und ein bedeutsamer Standort alliierter Nachkriegsgerichtsbarkeit. Im Curiohaus fanden insgesamt 188 Verfahren gegen 504 Angeklagte statt.  In den wenigen Jahren ihrer Tätigkeit erreichten die Gerichte der Alliierten mehr Verurteilungen von NS-Täterinnen und Tätern als viele Jahrzehnte bundesdeutscher Strafverfolgung.  Die Ausstellung dokumentiert die Breite, Sorgfalt und anfangs hohe Intensität der juristischen Aufarbeitung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen durch die britische Justiz. Sie fragt danach, wer im Curiohaus für welche Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden ist. Wer waren die Angeklagten, wer waren die Opfer? Und welchen Anteil hatten die ehemaligen Verfolgten an den Prozessen? 

Die Ausstellung wurde am  19. Januar 2017 durch die Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft Carola Veit im Kaisersaal des Hamburger Rathauses feierlich eröffnet. Am Abend haben die KuratorInnen zu einem Vortrag über die Hintergründe der Ausstellung in den Bürgersaal eingeladen. Alyn Beßmann gab einen Überblick über die Motivation und Zielsetzung der Ausstellung, Dr. Reimer Möller folgte mit einer Übersicht über die Struktur der britischen Kriegsverbrecherprozesse, die auf einem königlichen Erlass, dem „Royal Warrant“ vom Juni 1945 basierten. Die Rechtsgrundlage  der Prozesse war das Kriegsvölkerrecht. Somit urteilten die  britischen Militärgerichte ausschließlich über die an Staatsbürgern der Alliiertenbegangenen Kriegsverbrechen. Janna Lölke stellte anschließend als Beispiel für die Ahnung von an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern verübten NS-Verbrechen die Prozesse gegen die Verantwortlichen der „Ausländer- Kinderpflegestätten“ für Kinder von so genannten Ostarbeiterinnen vor. In diesen Heimen starben hunderte von Kindern durch Vernachlässigung und Misshandlung. Stefanie Rescher gab einen Überblick über die so genannten Fliegermordprozesse und stellte die in der Ausstellung gezeigten Verfahren vor. Einen Gastauftritt hatte einer der ehemaligen Verteidiger Andreas Baaders in den RAF-Prozessen, Kurt Grönewold, der einen Input zum Völkerrecht gab.

Im Rahmen des umfangreichen Begleitprogramms fanden weitere Vorträge mit Diskussionen statt: Am 24. Januar berichteten Anna von Villiez und Herbert Diercks in der „Katholischen Akademie“ von den medizinischen Versuchen an Erwachsenen und Kindern, die der Arzt Dr. Kurt Heißmeyer im KZ Neuengamme durchführte. Ein Fokus lag auf den erwachsenen Opfern - vier von ihnen stellte Anna von Villiez vor. Herbert Diercks ergänzte in seinem Vortrag die Geschichte der Enttarnung Heißmeyers, der nach dem Krieg in der DDR lebte, und berichtete vom Prozess gegen ihn. Der Abend endete mit einer angeregten Diskussion der Vortragenden mit den anwesenden Gästen, darunter interessierten HistorikerInnen, MedizinerInnen und JuristInnen.

Am Tag darauf referierte Holger Schultze von der Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e.V. in der Baracke des ehemaligen „Gemeinschaftslagers Kowahl & Bruns“, das heute ein Informationszentrum zur NS-Zwangsarbeit ist. Unter dem Titel „Angeklagt: Firmeninhaber Emil Bruns“ berichtete Schultze darüber, wie die Firma Kowahl & Bruns auf ihren Baustellen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einsetzte, darunter auch Frauen aus dem KZ-Frauenaußenlager Sasel. Der Firmeninhaber Emil Bruns wurde 1946 aufgrund von Misshandlungen an mehreren dieser Frauen verurteilt. 

Am 26. Januar wurde das eindrucksvolle Dokumentarstück „Zyklon B“ von Michael Batz im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses vor großem Publikum aufgeführt. Am  5. Januar wurde der Film  „Die Blumen von gestern“ im Abaton Kino gezeigt. Im Anschluss konnte das Publikum mit der Produzentin Kathrin Lemme und dem Historiker Dr. Oliver von Wrochem über den Film diskutieren. Am 31. Januar referierte Dr. Reimer Möller in der Gedenkstätte Fuhlsbüttel über „Unterlassene medizinische Versorgung von KZ- und Polizeihäftlingen“ und berichtete über den Prozess gegen den verantwortlichen Arzt Dr. med. Schnapauff und den „Heilgehilfen“ Brettschneider. Ljiljana Heise vermittelte am 2. Februar in der Katholischen Akademie in ihrem Vortrag „KZ-Aufseherinnen vor Gericht: Weibliche Täterschaft in den britischen Ravensbrück-Prozessen“ einen Überblick über das KZ Ravensbrück, die genannten Prozesse und ihre Angeklagten. Dabei thematisiert sie auch die Rolle der Kategorie Geschlecht vor Gericht. So verglich sie die Darstellung  und Verurteilung von SS-Männern und Aufseherinnen aus dem Gefolge der SS und unternahm eine kritische Untersuchung der Narrative, die sich um spezifisch weibliche und männliche NS-Täterschaft und ihre öffentliche Rezeption gebildet haben.

Der Historiker John  Cramer  gab am 7. Februar 2017 in der Krypta des Mahnmals St. Nikolai  einen Einblick in die Forschungsergebnisse seiner Studie „Belsen Trial 1945. Der Lüneburger Prozess gegen Wachpersonal der Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen“.  Bereits im Juni 1945 fand vor einem britischen Militärgericht in Lüneburg der erste alliierte Prozess gegen KriegsverbrecherInnen statt. Angeklagt waren Josef Kramer, der letzte Kommandant von Auschwitz und 44 weitere KZ-Wachleute, die im Januar 1945 von Auschwitz nach Bergen-Belsen versetzt worden waren. Der Referent stellte die Angeklagten und ZeugInnen vor, veranschaulichte die Situation vor Gericht und gab einen Überblick über die Beweisführung und Verurteilung sowie deren Schwierigkeiten, aber auch der vorherrschenden öffentlichen Stimmung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Den Tag darauf schilderten Herbert Diercks und Christine Eckel die „Verbrechen im KZ-Frauenaußenlager Sasel vor Gericht“. Auch hier war der Andrang groß und die Gedenkstätte Plattenhaus Poppenbüttel bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt.  Der Vortrag gab einen Überblick über die KZ-Außenlager in Hamburg, die Geschichte und Organisation des Frauenaußenlagers Sasel, die Situation der Häftlinge und die an ihnen verübten Verbrechen. Ergänzt wurde dies mit biografischen Informationen zu ehemaligen Häftlingen und TäterInnen sowie Zitaten aus den Berichten von Überlebenden,  den Prozessakten und Verhörprotokollen von TäterInnen.

Im letzten Vortrag in der Veranstaltungsreihe referierte Dr. Klaus Bästlein im Bürgersaal des Rathauses über die Organisation und den Lageralltag der KZ Husum-Schwesig und Ladelund sowie über die niederländischen, dänischen und britischen Prozesse, die gegen die Lagerführung angestrengt wurden. Besonders ausführlich berichtete er zudem über die Gerichtsverfahren gegen NS-TäterInnen in der Nachkriegszeit und in den 1960er Jahren. Zahlreiche Nachfragen aus dem Publikum zeigten das große Interesse an dieser Thematik. Dieser Vortrag bildete den Auftakt zu einer Tagung unter dem Titel „Britische Militärjustiz und NS-Verbrechen 1945–1949. Aktuelle Forschungen und Debatten“. Diese fand vom 9. bis 11. Februar in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme statt. Die Tagung wurde in Kooperation mit dem International Research and Documentation Centre for War Crimes Trials in Marburg  durchgeführt, anwesend waren auch zahlreiche internationale Gäste.

Die Ausstellung „Die Hamburger Curiohaus-Prozesse.  NS-Kriegsverbrechen vor britischen Militärgerichten“ ist als Wanderausstellung konzipiert worden und kann  über die KZ‑Gedenkstätte Neuengamme ausgeliehen werden. Weitere Informationen hier

Der Ausstellungskatalog kann im Shop der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bestellt werden.

Die Texte der Ausstellungstafeln und vertiefende Informationen sind hier online zugänglich. 

Bericht über die Tagung Britische Militärjustiz und NS-Verbrechen 1945-1949 auf hsozkult

All English panel texts from the exhibition can be seen here.